Hohe Strompreise belasten Industrie und Gewerbe und gefährden ihre Wettbewerbsfähigkeit. Ein entscheidender Hebel, um Kosten zu senken, sind erneuerbare Energien in Kombination mit dynamischen Stromtarifen und zeitvariablen Netzentgelten. So können Unternehmen ihre Produktion gezielt in günstige Zeitfenster verschieben, Strom zwischenspeichern und ihn dann nutzen oder vermarkten, wenn die Preise hoch sind. Auf diese Weise sind Einsparungen von 20 Prozent und mehr möglich. Das Prinzip funktioniert grundsätzlich für alle Verbraucher. In Industrie und Gewerbe ist die Umsetzung aufgrund komplexer Lastprofile und Rahmenbedingungen jedoch oft anspruchsvoller. Um die Potenziale voll auszuschöpfen, brauchen Unternehmen passende, individuell zugeschnittene Lösungen. Auf der EM-Power Europe finden sie dafür die richtigen Partner – von Planung und Systemintegration über Energiemanagement und Flexibilitätsvermarktung bis hin zu Anbietern dynamischer Stromtarife. Die Fachmesse für Energiemanagement und vernetzte Energielösungen findet vom 23. bis 25. Juni in der Messe München statt und ist Teil der The smarter E Europe, Europas größter Messeallianz für die Energiewirtschaft. Erwartet werden etwa 2.800 Aussteller und mehr als 100.000 Besucher.
Dynamische Stromtarife sind ein zentraler Baustein für eine effiziente und wirtschaftliche Energienutzung. Sie orientieren sich an den viertelstündlich schwankenden Großhandelspreisen der europäischen Strombörse EPEX Spot. Anders als klassische Festpreisverträge bilden sie die tatsächliche Marktsituation ab. Besonders günstige Strompreise treten typischerweise in Nachtstunden oder bei hoher Einspeisung erneuerbarer Energien auf.
Neben dem Energiepreis gewinnen Netzentgelte zunehmend an Bedeutung. Zeitvariable Modelle, die die Netznutzungskosten an Tageszeit und Auslastung koppeln, setzen Anreize für netzdienliches Verhalten. Auch individuelle Netzentgelte für atypische Netznutzung eröffnen Unternehmen zusätzliche Einsparpotenziale, wenn Lasten gezielt verlagert werden. Damit erweitert sich die Optimierungsperspektive: Unternehmen können Energie- und Netzkosten gleichzeitig reduzieren, müssen dafür jedoch Preis- und Netzsignale integriert betrachten. Nach Angaben des europäischen Verbandes Eurelectric machen Netzentgelte in der EU etwa 11 bis 12 Prozent der industriellen Stromrechnung aus – bei privaten Haushalten liegt der Anteil sogar bei 20 bis 22 Prozent.
Unternehmen können diese Preissignale gezielt nutzen, indem sie ihren Stromverbrauch flexibilisieren und in kostengünstige Zeitfenster verschieben. In Kombination mit Batteriespeichern lassen sich diese Effekte zusätzlich verstärken: Speicher laden in Niedrigpreisphasen und stellen die Energie bei hohen Preisen oder Lastspitzen wieder bereit. „Ein KMU mit 100 MWh Jahresverbrauch, einem durchschnittlichen Energiepreis von 25 Cent pro kWh und Netzentgelten von 10 Cent pro kWh zahlt heute Stromkosten von rund 35.000 Euro pro Jahr – eine Reduktion um 20 Prozent entspricht immerhin 7.000 Euro Einsparung“, rechnet Fabian Stocker, Head of Key Account Management beim Schweizer Climate-Tech-Unternehmen Exnaton vor. „Wer Spotmarktpreise, Laststeuerung und Batteriespeicher intelligent verknüpft, senkt seine Kosten erheblich.“
Besonders relevant für Industrie und Logistik
Hohe Potenziale ergeben sich insbesondere in Branchen mit planbaren Lastprofilen. Dazu zählen Produktionsbetriebe, Handelsstandorte oder Logistikunternehmen. Ein Beispiel ist das Kühl- und Logistikunternehmen Peter Bade GmbH, das seine Infrastruktur mit einer Energiemanagement-Plattform digital vernetzt und optimiert. Durch KI-gestützte Steuerung wird der Stromverbrauch gezielt in günstige Marktphasen und Zeiten hoher eigener PV-Stromerzeugung verschoben. Dadurch sank der Stromverbrauch der Kälteanlage allein im ersten Quartal 2024 um über 11 Prozent, die Arbeitspreise gingen um rund 16 Prozent zurück. Gleichzeitig konnten die Netzentgelte durch Lastspitzenkappung und flexible Nutzung der Anlagen im vergangenen Jahr um 44 Prozent reduziert werden.
Europaweit nimmt die Dynamisierung von Energie- und Netzentgelten weiter zu. Länder wie die Niederlande, Spanien, das Vereinigte Königreich oder die skandinavischen Staaten setzen bereits auf leistungs- oder zeitabhängige Netzentgelte. Deutschland verfügt mit Paragraf 19 StromNEV und Paragraf 14a EnWG über gesetzlich verankerte Flexibilitätsmechanismen. Leistungspreissignale und Hochlastzeitfenster gewinnen somit europaweit an Bedeutung und werden für Unternehmen mit planbaren Lastprofilen immer relevanter.
Treiber dieser Entwicklung ist unter anderem die EU-Elektrizitätsbinnenmarktrichtlinie 2019/944. Sie fordert Netztarife, die Flexibilität belohnen und tatsächliche Systemkosten besser widerspiegeln. Für Unternehmen entsteht damit ein wachsender Markt für flexible Energie- und Netzprodukte – und die Möglichkeit, Flexibilität gezielt als wirtschaftliche Ressource zu nutzen.
Wie dynamische Stromtarife Industrie- und Gewerbebetrieben dabei helfen, ihren Verbrauch in günstige Zeiten zu verlagern und so Kosten zu senken, erfahren Besucher auf der EM‑Power Europe. Vom 23. bis 25. Juni präsentieren zahlreiche Aussteller ihre Lösungen für Energie- und Flexibilitätsmanagement in Unternehmen. Eindrückliche Praxisbeispiele bietet die Sonderschau Renewables 24/7. Ergänzend dazu vermittelt das The smarter E Forum an allen drei Messetagen fundiertes und praxisnahes Fachwissen. Unternehmen erfahren dort, wie sie durch eine flexible Energienutzung Kosten senken und zusätzliche Erlösquellen erschließen können.
Strategische und regulatorische Kernfragen auf High-Level-Ebene beleuchtet dagegen die EM-Power Europe Conference, die bereits einen Tag vor Messebeginn startet. Die Fachkonferenz vertieft das Thema Flexibilität im Industrie- und Gewerbesektor am 23. Juni im Rahmen zweier Sessions. Die Session „Turning Industrial and Commercial Demand-Side Flexibility into Value“ zeigt, wie Flexibilität durch automatisierte Prozesse, neue Vertragsmodelle und klare Erlösmechanismen in den Netzbetrieb integriert wird. „From Local Experiments to Lasting Markets: The Future of DSO Flexibility“ beleuchtet den Übergang von Pilotprojekten zu skalierbaren, regulatorisch tragfähigen Flexibilitätsmärkten.
Noch mehr Beispiele dafür, dass eine flexible Steuerung des Energiebedarfs keine Einschränkung, sondern ein strategischer Vorteil ist, hat der Branchenverband smartEn in seinem aktuellen Bericht „Collection of Best Practices for Flexible Energy-Intensive Industries“ zusammengestellt. Die von The smarter E Europe finanziell unterstützte Publikation kann hier heruntergeladen werden.