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Start-up-Interview: „Wir verdoppeln die Biodiversität auf dem Dach“

Paradebeispiel eines begrünten Energiedaches

Blumenwiese auf dem Dach: Begrünte Flachdächer mit PV-Nutzung können die Biodiversität verdoppeln und sogar Laichplätze für Lurche bieten. (Copyright: Contec)

 

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Solar-Gründachsystem macht aus Flachdächern stromerzeugende Biotope

Durch den Klimawandel nehmen Starkregenereignisse zu, gleichzeitig werden immer mehr Flächen versiegelt. Gründächer können Wasser zurückhalten und neue Lebensräume bieten. Die Dächer werden aber auch zur Stromerzeugung aus Sonnenenergie benötigt. Im Start-up-Interview erklärt Contec-Geschäftsführer Marcel Jastram, wie sich diese Anforderungen mit dem Contec.greenlight-System erfüllen und gleichzeitig die Erträge der PV-Anlagen steigern lassen.
 
 

Herr Jastram, Contec bietet mit Contec.greenlight ein System, das Dachbegrünung und PV-Nutzung kombiniert. Welche Vorteile bringt das für den Kunden?

Für mich ist ein wesentlicher Vorteil, dass wir die Biodiversität auf dem Dach schlicht und einfach verdoppeln. Dadurch, dass wir durch die PV-Anlage auf dem Gründach Stellen haben, die zeitweise oder dauerhaft verschattet sind, wachsen sowohl Schattenpflanzen als auch herkömmliche Dachpflanzen. Auf diese Weise bietet das Dach Lebensraum für eine höhere Anzahl an Insekten und schafft sogar Laichplätze unter anderem für Lurche.

Lurche auf dem Dach?

Ja, das ist spannend. Diesen Effekt finde ich eigentlich am schönsten. Aber wir haben natürlich auch noch andere Vorteile. Der Energieertrag der PV-Anlage ist höher, weil die Pflanzen sie durch ihre Verdunstung kühlen. Außerdem heizt sich die Dachfläche unter der Begrünung viel weniger auf, so dass das Gebäude weniger gekühlt werden muss. Die Pflanzen filtern Feinstäube aus der Luft und nehmen CO2 auf. Das Grauwasser gelangt über die Kanalisation in die Kläranlage und wird dort gereinigt. Und das Gründach hält natürlich gerade bei Starkregen durch die integrierte Festkörperdrainage das Wasser zurück und entlastet die Kanalisation.
 
Contec hat ursprünglich mit der Abdichtung von Flachdächern seinen Anfang genommen, später kam die Begrünung dazu. Wann ging es mit der PV los?

Das war schon 2012 bei unserer Mutterfirma, der Contec AG in der Schweiz, von der wir finanziert wurden. Damals kam die Schwarz-Gruppe auf Contec zu, zu der unter anderem Lidl und Kaufland gehören. Die mussten ihre großen Verteillager aufgrund der Bauvorschriften immer öfter begrünen, um die Vorgaben für die Wasserretention zu erfüllen. Gleichzeitig wollten sie aber auch Solarstrom erzeugen, um die riesigen Hallen wirtschaftlich kühlen zu können. Wir haben uns daraufhin mit unserem damaligen Partner, der ZSD Solar aus Nordrhein-Westfalen zusammengesetzt, um eine Lösung zu entwickeln, wie sich Begrünung und Solarstromerzeugung miteinander verbinden lassen. Das Ergebnis war die Unterkonstruktion Greenlight. Das damals neu zu bauende Lidl-Verteillager in der französisch sprechenden Schweiz wurde dann im Dezember 2014 fertiggestellt. Eine Zeit lang war es das größte grüne Energiedach der Welt.

Wie ging es dann weiter?

Wir haben gesehen, dass unsere Lösung keine Eintagsfliege ist und haben vor fünf Jahren die Contec Deutschland GmbH als Tochterunternehmen gegründet. In Deutschland wird jeden Tag die Fläche von 80 Fußballplätzen versiegelt. Gleichzeitig wächst aber auch der Anspruch, dagegen etwas zu tun. Seit zwei Jahren merken wir außerdem, wie im deutschsprachigen Raum die Bereitschaft zunimmt, erneuerbaren Strom auch dann selbst zu erzeugen, wenn es wirtschaftlich vielleicht auf der Kante ist.

Worin sehen Sie die Gründe für dieses veränderte Bewusstsein?

Was sich auf jeden Fall auf die Nachfrage auswirkt, ist, dass die Menschen in den Städten sehr unter der Hitze im Sommer leiden, wenn sich aufgrund der hohen innerststädtischen Versiegelung tagsüber Asphalt und Beton stark aufheizen, die Energie speichern und nachts die Wärme wieder abstrahlen. Auf diese Weise können die Innenstädte nicht mehr runterkühlen. Auch die Luftqualität leidet, wenn das Verhältnis versiegelter zu begrünten Flächen nicht im Einklang ist. Zudem sind die Landesbauordnungen entsprechend angepasst worden sind. Wir haben verstärkt Starkregenereignisse, während unsere Kanalisation in Deutschland überwiegend noch aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg stammt. Die günstigste Variante, um Starkregen zurückzuhalten und nur nach und nach in die Kanalisation abzugeben, ist das Gründach. Gleichzeitig wollen sich die Kunden in ihrer Außendarstellung immer häufiger nachhaltig präsentieren, beispielsweise über eine PV-Anlage. Dazu kommen die kleinstädtischen Energieversorger, die vermehrt nachhaltig und dezentral Strom erzeugen wollen. Hier hat sich in den vergangenen beiden Jahren viel getan.

Sie haben eben Lidl als Beispiel genannt. Ab welcher Dachgröße kommt Ihr System zum Einsatz? Müssen die Dächer bestimmte Voraussetzungen erfüllen?

Das ist unabhängig von der Größe. Greenlight ist für jede Dachfläche geeignet, auf die eine PV-Anlage draufpasst. Wir statten für Fertighausfirmen viele Einfamilienhäuser aus, wo in Baugebieten Gründächer vorgeschrieben sind und trotzdem PV-Anlagen drauf sollen. Genauso haben wir Aufträge aus der Industrie aber auch im Wohnungsbau. Im vergangenen Jahr haben wir bei Hugo Boss in Metzingen das Dach des weltgrößten Single-Outlets bestückt. Das kleinste Dach, das mir auf Anhieb einfällt, war ein Carport in Berlin. Vom Kaninchenstall bis zum Lidllager ist eigentlich alles geeignet, wenn es die Statik hergibt. Bestandsbauten müssen vorher schon begrünt gewesen sein oder aus massivem Stahlbeton bestehen, weil wir durch unser System eine zusätzliche Lastaufnahme von 130 kg/m² haben.

Sind Sie eher regional oder international aktiv?

Wir selbst, die Contec Deutschland GmbH, sind im deutschsprachigen Raum, aber auch in grenznahen Regionen unterwegs. Wir haben einige Projekte in den Niederlanden und in Frankreich, eines hatten wir auch mal in Mexiko Stadt. Aber der Fokus liegt im deutschsprachigen Raum, weil der Rest von unserem Mutterkonzern aus der Schweiz bedient wird. Allerdings bieten wir mit unserer deutschen Gesellschaft zusätzlich Projektmanagement im Bereich der Gebäudehülle an.

Was ist die größte Herausforderung an dem ganzen System, die Dichtigkeit, die Unterkonstruktion oder die Pflanzen?

Nein, weder noch. Es ist die Schnittstelle, der Mensch. Die Generation der Babyboomer sagt oft, Gründächer seien schlecht, weil sie immer Ärger auf ihrem Flachdach haben und ihre PV-Anlagen zuwachsen. Da kommt es aber eben drauf an, was man gepflanzt hat und, dass man nicht nur die PV-Anlage wartet, sondern sich auch regelmäßig um den Bewuchs kümmert. Früher war es außerdem so, dass man entweder erst die PV-Anlage installiert und dann begrünt hat oder erst begrünt und anschließend einfach die PV-Anlage obendrauf gesetzt hat. Die wächst dann natürlich zu, das macht keinen Sinn. Die größte Herausforderung ist es nun, bei den Planern ein entsprechendes Umschalten zu bewirken. Wenn das Flachdach fertig abgenommen ist, kommt erst ein Teil der Dachbegrünung, dann die Unterkonstruktion und anschließend wieder die Dachbegrünung als Auflast. Erst zum Schluss montiert der Anlagenbauer die PV-Module.
 
Was umfasst das Contec.greenlight-System alles?

Es sind modulare Einheiten, die jeweils aus einer etwa 2 m² großen HDPE-Platte bzw. Wanne, einem Winkel und ca. 2 m Modultrageprofil einschließlich der nötigen Kleinteile bestehen. Diese Unterkonstruktion kann man auf jedes Flachdach, dass wurzelfest ist, montieren. Die maximale Dachneigung beträgt 5°, bei mehr als 5° Dachneigung muss unser System mit zusätzlicher Schubsicherung eingebaut werden.  

Sie waren bereits 2019 auf der The smarter E bzw. Intersolar Europe als Start-up dabei und sogar unter den Finalisten des Intersolar AWARD. Auch in diesem Jahr wäre Contec Aussteller gewesen. Was war ihre Erfahrung in 2019 und was hat Sie dazu bewogen, sich für 2020 wieder anzumelden?

Weil die Teilnahme uns ganz, ganz viele Türen geöffnet hat. Wir sind im Markt viel bekannter geworden und konnten dadurch auch nachweislich unseren Umsatz steigern. Wir wollen langfristig unabhängig von unseren Schweizer Investoren werden. Darum wollten wir auch dieses Jahr wieder die Vorteile der Messeteilnahme nutzen, um unsere Marke, unser Produkt und unsere junge Firma zu präsentieren. Dabei wollten wir auch die zweite Generation unseres Greenlight-Systems vorstellen.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten drei Jahre?

Wie gerade erwähnt, arbeiten wir an einer neuen Greenlight-Version. Dabei wollen wir mit einem variablen Winkel arbeiten und eine noch größere Wasserretention anbieten. Aktuell können wir mit unserer harten PE-Wanne 43 l Wasser pro m² zurückhalten, in Zukunft werden wir eine Trägerplatte anbieten, die mehr Wasser aufnehmen kann. Außerdem wollen wir eigenständig werden und dafür unser Geschäft mit Projektmanagement im Bereich Gebäudehülle fokussieren.

Das Interview führte Simone Pabst.

Weitere Informationen: Contec Deutschland