Flexibilität ist der Schlüssel für die Energiewende und zahlt sich für Unternehmen aus. Die erneuerbaren Energien erzeugen mittlerweile etwa die Hälfte des Stroms in der Europäischen Union (EU). Doch Wind und Sonne liefern – je nach Tageszeit und Wetterlage – nicht gleichmäßig viel Strom. Dadurch schwankt die Einspeisung in die Netze, gleichzeitig steigen oder fallen die Preise an der Strombörse. Flexibilität ist die Lösung, um Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen. Ein intelligentes Lastmanagement erlaubt es Unternehmen, nicht nur ihre Energiekosten signifikant zu senken, sondern durch die gezielte Vermarktung ihrer Flexibilität am Strommarkt sogar neue Erlöspotenziale zu erschließen. Lösungen und Technologien für mehr Flexibilität werden vom 23. bis 25. Juni in München auf der EM-Power Europe vorgestellt. Die internationale Fachmesse für Energiemanagement und vernetzte Energielösungen findet im Rahmen von The smarter E Europe, Europas größter Messeallianz für die Energiewirtschaft, statt. Besucher haben Gelegenheit, sich über Energie- und Lastmanagement, Vermarktung von Flexibilität, Advanced Metering Infrastructure, Energy-as-a-Service und vieles mehr zu informieren. Die begleitende EM-Power Europe Conference widmet sich am 23. Juni dem Thema Flexibilität in Industrie und Gewerbe.
Nachfrageseitige Flexibilität beziehungsweise Demand-Side-Flexibilität bietet viel Potenzial. Sie kann Schwankungen in der Stromerzeugung ausgleichen, die Netze in Spitzenzeiten entlasten und die Versorgung sicherstellen. „Das europäische Stromnetz benötigt Demand-Side-Flexibilität, um Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten, da die Erzeugung erneuerbarer Energien zunimmt und die Netze zunehmend belastet werden“, bestätigt Michael Villa, Geschäftsführer von smartEn, dem europäischen Branchenverband für flexibles Nachfragemanagement.
Entscheidend ist, wie stark Unternehmen ihre innerbetrieblichen Abläufe anpassen können, um erneuerbaren Strom optimal zu nutzen. Dabei müssen sie nicht zwangsläufig große Summen in neue Anlagen investieren, um ihr Flexibilitätspotenzial auszuschöpfen. Die Firma Ornua Foods Deutschland ist ein Beispiel dafür. Jedes Jahr verarbeitet sie etwa 80.000 Tonnen irische Butter für den deutschen und österreichischen Markt. Seit 2023 setzt sie auf eine KI-basierte Energiemanagementplattform, die den Stromverbrauch im Zusammenspiel mit einem dynamischen Stromtarif regelt. Betriebszeiten von Kompressoren, Kühlanlagen und Dampferzeugung werden für jeweils 24 bis 72 Stunden im Voraus optimiert und in Echtzeit an die Anforderungen und Marktsignale angepasst. Schon im ersten Betriebsjahr wurden über 9.600 Euro eingespart – nach nur 14 Monaten hatte sich die Investition amortisiert.
Für Unternehmen zahlt es sich aus, flexibel zu sein. „Durch die Verlagerung des Stromverbrauchs auf Zeiten, in denen sauberer Strom reichlich vorhanden ist, können Industrie- und Handelsunternehmen ihre Energiekosten senken und sogar neue Einnahmen erzielen, indem sie Flexibilitätsdienstleistungen für das Netz erbringen. Die Technologien und Lösungen dafür existieren bereits – vom intelligenten Energiemanagement bis hin zur aggregierten Laststeuerung. Was Europa im Jahr 2026 braucht, sind starke politische Signale und Marktrahmenbedingungen, die es der Demand-Side-Flexibilität ermöglichen, sich uneingeschränkt an den Strommärkten zu beteiligen und ein widerstandsfähigeres, effizienteres Energiesystem zu unterstützen“, so Michael Villa.
Flexibilität ist gerade für Unternehmen, die viel Energie verbrauchen, ein Schlüssel, um die Energiekosten deutlich zu senken. Dazu gehören zum Beispiel Stahl- und Zementanlagen sowie Aluminium-, Papier- und Glasfabriken. Für sie kann es sich lohnen, an sogenannten Spotmärkten kurzfristig erneuerbaren Strom am selben Tag (Intraday-Handel) oder am nächsten Tag (Day-Ahead-Handel) günstig einzukaufen sowie ihren selbst erzeugten beziehungsweise gespeicherten Strom teuer zu verkaufen. Die Vermarktung des Stroms übernehmen spezielle Dienstleister, wie Energy2market. Mit seinem Multimarket-Ansatz vermarktet das Unternehmen Batteriespeicher in der Industrie abhängig von der Jahreszeit. Im Winter biete sich das Peak-Shaving an, um teure Lastspitzen beim Strombezug zu verhindern, berichtet Kai Becker, Entwicklungsleiter bei Energy2market. Ein Kunde des Vermarkters, ein Aluwerk, spare allein dadurch 200.000 Euro im Jahr. In den Sommermonaten lohne sich aufgrund der großen Tagesschwankungen der Spotmarktpreise der Handel auf dem kurzfristigen Strommarkt.
Sektorkopplung und Erlöse über Power-to-Heat
Auch die Vermarktung von Flexibilität aus Wärmesystemen lohnt sich, etwa bei der Erzeugung von Prozesswärme durch Power-to-Heat. Ist zu viel Strom im Netz, wird er kurzerhand aus dem Netz entnommen, um einen Wärmespeicher aufzuheizen. Mit solchen Projekten hat die Firma Entelios aus München Erfahrung. Die Umrüstung eines bereits vorhandenen 10-Megawatt-Boilers habe sich beispielsweise bereits nach eineinhalb Jahren amortisiert, berichtet das Unternehmen. „Flexibilität ist die Schlüsselressource im volatilen Energiesystem. Mit unserer KRITIS-zertifizierten Hardware- und Software-Plattform steuern wir industrielle Lasten, Speicher und sektorgekoppelte Anlagen automatisiert so, dass Unternehmen preisoptimiert und gleichzeitig netzdienlich agieren können. Das senkt Energiekosten und erschließt zusätzliche Erlöse über Intraday-Handel und Regelreserve“, sagt Dr. Florian Hirsch, CTO bei Entelios. Die Regelreserve wird eingesetzt, um kurzfristig Ungleichgewichte im Stromnetz auszugleichen und die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten.
Individuelle Konzepte im Fokus der EM-Power Europe 2026
Dass Flexibilität und Lastmanagement erhebliche finanzielle Vorteile eröffnen, hat ein Großteil der Wirtschaft bereits erkannt: Laut einer Umfrage von McKinsey & Company setzen beispielsweise allein in Deutschland 80 Prozent der befragten Unternehmen entsprechende Maßnahmen bereits um oder befinden sich in der Planungsphase. Da jedoch jeder Betrieb über individuelle Prozesse, Lastprofile und technische Voraussetzungen verfügt, ist Demand-Side-Flexibilität selten ein Standardprodukt. Die Umsetzung erfordert maßgeschneiderte Konzepte, die auf die jeweiligen betrieblichen Anforderungen abgestimmt sind. Orientierung und geeignete Technologiepartner finden Unternehmen auf der EM-Power Europe.
Zusätzliche Impulse bietet das The smarter E Forum mit seinen Vorträgen. Am 24. Juni stellt der Verband smartEn in der Session “Demand-Side Flexibility in Action: Best Practices from the Flexible Demand Management Industry” erfolgreiche Beispiele aus der Praxis vor. Am Tag zuvor berichtet der Bundesverband Neue Energiewirtschaft e.V. (bne) über die geplanten Änderungen im EEG 2027, mit denen künftig die Flexibilität von Batterien und Ladeinfrastruktur im kleineren Leistungsbereich vergütet werden soll. Auch auf der EM-Power Europe Conference, am 22. und 23. Juni 2026, ist Flexibilität ein thematischer Schwerpunkt, unter anderem mit den Sessions „Electric Vehicle Grid Integration - Scaling up Flexibility“ und „Turning Industrial and Commercial Demand Side Flexibility into Value“.
Bereits am 5. Mai lädt die EM-Power Europe zu einem Webinar mit dem Titel „Nachfrageseitige Flexibilität in der Praxis: Reale Erfolgsstrategien für energieintensive Branchen“ ein. Das Webinar befasst sich mit den technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Aspekten nachfrageseitiger Flexibilität. Der Schwerpunkt liegt darauf, wie energieintensive Branchen Flexibilität in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln können.
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