Lernen von Europa: Wie ein Chemiewerk die Elektrolyse zur Flexibilitätsressource macht

Branchenneuigkeit – 4. August 2026

Europa ist vielfältig, geografisch wie kulturell. Genauso facettenreich sind die Lösungsansätze für die Energiewende in den verschiedenen Ländern. The smarter E Europe sieht diese Vielfalt als Chance, voneinander zu lernen und die Energiewende im jeweils eigenen Land noch schneller und effizienter umzusetzen.

In dieser Artikelserie stellen wir Ihnen innovative und erfolgreiche Projekte aus Europa vor, die zeigen, wie eine erneuerbare Energieversorgung 24/7 funktionieren kann. Die Beispiele sollen Impulse und Inspiration geben, damit aus „geht nicht“ „gibt es schon“ wird.

Die Elektrolyse zählt zu den stromintensivsten industriellen Verfahren. Unter den richtigen Voraussetzungen kann sie jedoch auch wertvolle Flexibilität für das Stromsystem bereitstellen. Ein Natriumchloratwerk in Frankreich zeigt, wie sich ein energieintensiver Produktionsprozess vom reinen Stromverbraucher zu einem aktiven Anbieter von Netzdienstleistungen entwickeln und dabei zusätzliche Einnahmen erzielen kann.

Das Werk produziert Natriumchlorat mittels Elektrolyse und verfügt über eine maximale elektrische Leistung von 42 MW. Obwohl der Produktionsprozess eine kontinuierliche Stromversorgung erfordert, lässt sich der Stromverbrauch innerhalb bestimmter Grenzen anpassen, ohne die Produktqualität zu beeinträchtigen. Möglich macht das die thermische und chemische Trägheit des Prozesses, die kurzfristige Schwankungen der Stromzufuhr ausgleicht. Dadurch können bis zu 25 MW flexibel bereitgestellt werden, um das Stromsystem bei Bedarf zu entlasten.

Um dieses Potenzial zu erschließen, arbeitet das Werk seit 2014 mit dem Flexibilitätsdienstleister Energy Pool zusammen. Der erste Schritt war die Teilnahme am französischen Kapazitätsmarkt. Das Werk verpflichtet sich dabei, seinen Stromverbrauch bei hoher Netzlast vorübergehend zu reduzieren und erhält dafür eine Vergütung. In den folgenden Jahren wurde die Flexibilitätsstrategie schrittweise ausgebaut. Heute nimmt der Standort auch an Regelenergiemärkten teil und passt seinen Stromverbrauch in Echtzeit an, um Frequenzschwankungen im Netz auszugleichen und die Einspeisung erneuerbarer Energien besser zu integrieren. Seit 2025 wird der Stromverbrauch zusätzlich anhand der Börsenstrompreise optimiert, sodass energieintensive Prozesse bevorzugt in Zeiten niedriger Strompreise stattfinden.

Der schrittweise Ausbau der Flexibilitätsvermarktung lohnt sich. Im Laufe der Zusammenarbeit hat das Werk mehrere Erlösquellen im Strommarkt erschlossen. Allein im Jahr 2025 erzielte es dadurch Bruttoerlöse von mehr als 1,5 Millionen Euro. Darüber hinaus senkt die optimierte Steuerung des Stromverbrauchs die gesamten Stromkosten. In Zukunft könnte die Strategie ausgeweitet werden, etwa durch standortübergreifende Flexibilitätskonzepte oder die Integration von Batteriespeichersystemen (BESS).

Das Beispiel zeigt, dass Flexibilität nicht nur von Kraftwerken oder Batteriespeichern bereitgestellt werden kann. Auch energieintensive Industrieunternehmen können zu aktiven Teilnehmern im Stromsystem werden. Indem sie ihren Stromverbrauch an den Bedarf des Netzes anpassen, erschließen sie neue Einnahmequellen, erhöhen ihre Wettbewerbsfähigkeit und leisten gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Integration erneuerbarer Energien.

Das vorgestellte Best Practice ist eines von vielen Beispielen zu industrieller Flexibilität in der Publikation „Collection of Best Practices for Flexible Energy-Intensive Industries“ des Verbands SmartEn. Die von The smarter E Europe finanziell unterstützte Publikation kann hier heruntergeladen werden.

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