Ein Plug-and-Play-Umspannwerk auf dem Außengelände der Messe München, ein Energiesystem für Wohngebäude im Schrankformat und zahlreiche KI-basierte Dienstleistungen: Die EM-Power Europe 2026 bewies, dass die Energiewende längst keine Frage der technologischen Machbarkeit mehr ist. Der Fokus der Branche liegt nun darauf, die Transformation schneller, einfacher und günstiger zu gestalten.
Ein Sarg rollte durch die Hallen der EM-Power Europe 2026 in München – darin die Überreste einer alten, analogen Umspannstation; Relikte einer alten Zeit, in der Strom noch eindimensional von großen, zentralen Kraftwerken zu den Verbrauchern floss. Auf dem Münchner Messegelände präsentierten die Aussteller die nächste Technologiegeneration für ein vollständig erneuerbares, dezentrales Energiesystem. Sie verknüpft nicht nur Stromerzeugung und -verteilung, Speicherung und Verbrauch intelligent miteinander. Vor dem Hintergrund knapper Kassen, des Fachkräftemangels und des Zeitdrucks beim Netzausbau sowie der Modernisierung konzentriert sich die Branche zunehmend auf Produkte und Dienstleistungen, die die Transformation schneller, einfacher und kostengünstiger machen.
Deutlich wurde auf der Messe auch, dass sich der Blick auf die Energiewende verändert hat. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr einzelne Komponenten, sondern ihr Zusammenwirken in integrierten Gesamtlösungen, wozu oft auch die Planung bis hin zur Installation gehört. Während vor wenigen Jahren die verschiedenen Branchenzweige teilweise noch in Konkurrenz zueinander standen, etwa bei der Frage, ob Batteriespeicher, nachfrageseitige Flexibilität oder allein der Netzausbau die Lösung für die Komplexität erneuerbarer Energiesysteme sei, hat sich nun das Bewusstsein durchgesetzt: Die Energiewende ist nur gemeinsam und sektorübergreifend zu schaffen.
Stromnetze standardisiert ausbauen
„Die ganze Branche ist auf Zusammenarbeit ausgelegt“, bestätigt Jan Oliver Kammesheidt, Vertikal Market Manager Energy beim Lösungsanbieter Eplan, der auf der EM-Power Europe gemeinsam mit dem Schwesterunternehmen Rittal ausstellte. Beide ergänzen sich, indem Rittal die Hardware liefert, wie Schaltschranksysteme oder Stromverteilung, und Eplan mit seiner Software die Planungsseite im Engineering abdeckt. Dabei lege man besonderen Wert auf einen durchgängigen Datenfluss und arbeite viel mit Partnern zusammen, erklärt Kammesheidt. Ziel sei es, den Aufbau leistungsfähiger Energieinfrastruktur durch Standardisierung und die enge Verzahnung von Software und Systemtechnik zu beschleunigen.
Ein Beispiel dafür ist der Schutz- und Steuerschrank für Umspannwerke und Konverterstationen, den Rittal gemeinsam mit dem Automatisierungsunternehmen Trips realisiert hat. Die Anwendung ist als digitaler Zwilling in Eplan verfügbar und kann so als Vorlage für weitere Infrastrukturprojekte genutzt werden. Das sorgt für eine hohe Datenqualität, Tempo und Standardisierung schon im Engineering.
Der ebenfalls auf der Messe ausgestellte „Powerblock“ basiert auf einer Partnerschaft zwischen Rittal und EcoG. Die skalierbare DC-Stromversorgung inkl. Lademanagement für Ladeparks, E-Lkw-Depots und Flottenstandorte lässt sich schrittweise erweitern und in bestehende dezentrale Energiesysteme integrieren. Auch der Powerblock ist als Projekt digital in Eplan angelegt.
Sektoren intelligent vernetzen
Sektorengrenzen überwinden, indem Strom- und Wärmeerzeugung, Speicher und E-Mobilität im Sinne ganzheitlicher Energiekonzepte miteinander vernetzt werden, das stand im Mittelpunkt des Messeauftritts von Phoenix Contact. Exemplarisch dafür war ein Modell des neuen Firmengebäudes am Hauptsitz Blomberg ausgestellt. Eisspeicher und Wärmepumpen, PV-Anlage, Batteriespeicher und Ladinfrastruktur sind dort miteinander verknüpft. Dazu kommt ein Gleichstromnetz für die dort installierten Maschinen, durch das regenerativ erzeugter Strom ohne Umwandlungsverluste direkt genutzt werden kann.
Elementar für die Energiewende ist auch die Modernisierung und Digitalisierung des Verteilnetzes. „Allein der private Ausbau der Elektromobilität ist eine enorme Herausforderung für die Netze“, betont Dieter Schrenk, Business Development Manager Solution Sales Energy. Eine einzige Wallbox belaste das Netz so stark wie mehrere Haushalte ohne Lademöglichkeit zusammen. Um die Netze besser überwachen und steuern zu können, müssten etwa die Ortsnetzstationen dringend modernisiert werden. Dafür liefert Phoenix Contact ein modulares System, dessen Bausteine je nach Bedarf eingebaut werden können, da nicht jede Station die komplette Ausstattung benötigt. Dazu gehören eine Steuerungseinheit, Fernwirk- und Schutztechnik sowie eine Notstromversorgung. Die vollständig verkabelten Elemente würden sich von einem Nicht-Techniker einbauen und per Fernzugriff konfigurieren lassen, erklärt Schrenk. Der einfache Einbau und die Fehlersuche aus der Ferne sparen Zeit und Arbeitskraft.
Schlüsselfertig ans Hochspannungsnetz
Komplette, schlüsselfertige Umspannwerke liefert Omexom. Auf der EM-Power Europe stellte das zum französischen Vinci-Konzern gehörende Unternehmen das Modell einer solchen Anlage aus. Die Nachfrage kommt laut Omexom zunehmend auch von großen Industrieunternehmen, die ihre Prozesse elektrifizieren. Mit dem Umstieg von Erdgas auf Strom steige deren Energiebedarf häufig so stark, dass ein Anschluss an das Hochspannungsnetz und ein eigenes Umspannwerk notwendig werden.
Ein weiteres aktuelles Thema, das die Branche derzeit beschäftigt, ist nach Angaben des Unternehmens das Verbot von SF6-Gas als Isolationsmittel in neuen Mittelspannungs-Schaltanlagen bis einschließlich 24 kV. Es gilt seit Jahresbeginn und wird 2028 und 2030 auf weitere Mittelspannungs- und Hochspannungs-Schaltanlagen ausgeweitet.
Umspannwerk to-go
Mit einem Modell als Ausstellungsstück begnügte sich das spanische Unternehmen Meins nicht, sondern reiste mit schwerem Gepäck an: Im Außenbereich des Münchner Messegeländes errichteten die Spanier eine komplette Umspannstation und demonstrierten dabei zugleich die Vorteile ihrer Innovation. Laut Meins benötigt die Station 80–90% weniger Fläche als konventionelle Systeme. Durch ihr Plug-and-Play-Konzept lässt sie sich innerhalb von nur 14 Tagen installieren und in Betrieb nehmen.
Die modular aufgebaute Station umfasst Hoch- und Mittelspannungsschaltanlagen in vorgefertigten Betongebäuden. Der Leistungstransformator wird im Außenbereich auf einem speziell entwickelten Fertigfundament installiert. Das Gesamtsystem mit dem Namen CSET eignet sich für Erzeugungs- und Verbrauchsanlagen mit Anschlussleistungen bis 50 MVA sowie für Netzanschlüsse bis 138 kV. Einsatzgebiete sind unter anderem Solarparks, Rechenzentren, Ladeinfrastruktur und urbane Stromnetze, bei denen ein geringer Flächenbedarf sowie eine schnelle und kosteneffiziente Umsetzung gefragt sind. Für diese Lösung wurde Meins mit dem The smarter E AWARD in der Kategorie Smart Integrated Energy ausgezeichnet.
Die beste Technik für den Netzanschluss bringt allerdings wenig, wenn Projekte bereits lange zuvor ins Stocken geraten. Das will conductr mit seiner KI-gestützten B2B-Plattform ändern. Sie soll Projektentwickler, Anlagenerrichter, Planer, Sachverständige und Netzbetreiber in einem digitalen Workflow zusammenbringen.
„Wer ein Projekt umsetzen, also etwa einen Solarpark bauen will, kann auf unserer Plattform seinen Bedarf einstellen und erhält von Beginn an Unterstützung – von der Standortevaluierung bis zum Netzanschluss“, erklärt Gratian Permien, Founder & CEO des Start-ups. Dafür habe das Unternehmen inzwischen rund 60 Module in die Software integriert. Diese bilden einzelne Projektschritte ab und werden von Partnern wie Zertifizierungsstellen, Planungsbüros, Gutachtern und technischen Ausrüstern angeboten. Auf diese Weise sollen Projekte schneller ans Netz kommen und kostspielige Verzögerungen vermieden werden. Das Angebot richtet sich an Projektentwickler, Planer und Installateure gewerblicher Anlagen.
Nicht nur die Entwicklung von Energieprojekten, sondern auch deren Finanzierung und wirtschaftlicher Betrieb stellen viele Unternehmen vor Herausforderungen. Genau hier setzt Wattstor an. Der ursprünglich aus Großbritannien stammende Energieversorger ist seit Anfang 2025 auf dem deutschen Markt aktiv und bietet mittelständischen Industrie- und Gewerbebetrieben eine Komplettlösung für ihre Energieversorgung. Das Unternehmen übernimmt Planung, Finanzierung, Bau und Betrieb der Energieinfrastruktur vor Ort und kombiniert dabei Photovoltaik, Batteriespeicher sowie intelligentes Energiemanagement.
Besonderheit des Modells ist eine vertraglich garantierte Preisobergrenze, die Unternehmen vor starken Schwankungen am Strommarkt schützt und gleichzeitig von günstigen Marktpreisen profitieren lässt. „So werden Energiekosten planbar statt volatil“, erklärt Jochen Schneider, Geschäftsführer von Wattstor. „Das ermöglicht CO₂-Einsparungen, Kostensenkungen von 20 bis 30 Prozent und stärkt die wirtschaftliche Resilienz – ohne Investitionskosten und ohne Eingriffe in das Produktionsgeschehen.“
Ganz auf den Stromhandel konzentriert sich das Start-up Otter Energy Trading. „Energiehandel ist immer noch viel zu kompliziert, als dass normale Anlagenbetreiber wirklich daran teilhaben können“, sagt Roman Kurpatov, einer der beiden Geschäftsführer. Gemeinsam mit seinem Team will er das ändern. Für gewerbliche Kunden vermarktet Otter PV-Strom an der Börse oder direkt an Verbraucher, bietet einen dynamischen Stromtarif an, übernimmt die Vermarktung von Batteriespeichern und vermittelt Power Purchase Agreements (PPAs). Zu den Zielgruppen zählen unter anderem die Immobilienwirtschaft, Landwirte, Energiegenossenschaften oder Unternehmen mit mehreren Standorten.
Bei Batteriespeichern verfolgt das Start-up einen Multi-Use-Ansatz. Statt einen Speicher ausschließlich für die Eigenverbrauchsoptimierung oder das Lastspitzenmanagement zu nutzen, vermarktet ein intelligenter Algorithmus freie Kapazitäten am Day-Ahead- und Intraday-Markt. So kann der Speicher auch in Zeiten geringer PV-Erzeugung wirtschaftlich eingesetzt werden.
Mit dem Angebot „Trading as a Service“ öffnet Otter den Zugang zum professionellen Stromhandel zudem für Anbieter von Energiemanagementsystemen, Flexibilitätsvermarkter und andere Unternehmen. Über standardisierte Schnittstellen können diese Strom handeln, ohne selbst als Energieversorger auftreten zu müssen. Dafür stellt das Start-up den Börsenzugang, das Bilanzkreismanagement sowie Preisprognosen und Live-Marktdaten bereit.
Elephant Power ist ein ebenfalls junges Cleantech-Unternehmen aus Stuttgart, und war dieses Jahr das erste Mal auf der EM-Power Europe mit einem eigenen Stand vertreten. Mit seinem Elephant One will das 2025 gegründete Unternehmen die Energiewende im Gebäudebereich vereinfachen und beschleunigen. Der „Elefant“ ist eine modulare Plug-and-Play-Lösung für den Außenbereich, die alle zentralen Komponenten einer erneuerbaren Energieversorgung für Wohngebäude in einem System vereint: Dazu gehören eine 11-kW-Wärmepumpe, ein Heizstab, eine 24-kWh-Batterie, Warmwasser- und Pufferspeicher, Wechselrichter, die erforderliche Elektrik sowie ein integriertes Energiemanagementsystem. Eine Photovoltaikanlage kann direkt angeschlossen werden.
Die gesamte Technik passt in einen Schrank, der mit einer Stellfläche von 2,6 m² deutlich weniger Platz benötigt als der namensgebende Elefant. „Unsere Zielgruppe sind Heizungsinstallateure, aber auch Solarteure“, erklärt Danijel Sistov, Mitgründer und operativer Geschäftsführer. „Alles ist vormontiert. Für Lieferung und Installation braucht es nicht mehr als einen Hubwagen und zwei Installateure. Innerhalb eines Tages ist das System angeschlossen, ohne dass die Bewohner gestört werden oder Komforteinbußen hinnehmen müssen. Ein Heizungskeller wird damit überflüssig.“
Nach Angaben des Unternehmens eignet sich das System sowohl für Neubauten als auch für Bestandsgebäude. Bei höherem Wärmebedarf lassen sich die Energie-Cubes miteinander kombinieren. Für Partner plant Elephant Power zudem eine Schnittstelle zu bestehenden Home Energy Management Systemen (HEMS). Dadurch können Energieversorger, Stadtwerke, PV-Anbieter oder Plattformbetreiber ihre eigenen Softwarelösungen anbinden.