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Experteninterview

Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien rechnen sich

Dr. Roland Geres

Herr Dr. Geres, das Ende 2019 beschlossene Klimaschutzprogramm 2030 enthält einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Emissionsminderung. Welche Vorgaben werden sich am stärksten auf die Industrie auswirken?

Im Klimaschutzprogramm sind für so gut wie alle Unternehmen Maßnahmen enthalten, die näher analysiert werden sollten. Je nach Branche können es unterschiedliche Einzelmaßnahmen sein. Als übergeordnete Maßnahme ist ohne Zweifel der nationale CO2-Preis zu nennen, der Wirkung besonders im Wärmemarkt entfalten wird. Dabei darf nicht vergessen werden, dass für den weitaus größten Teil der Industrie die Strompreise und der europäische Emissionshandel prägend sind. Sein Preisniveau ist durch die Reform seit 2018 erheblich gestiegen. Deshalb und weil der Strompreis für die Marktchancen vieler neuen Technologien besonders wichtig ist, ist auch die angestrebte Absenkung der EEG-Umlage durch Nutzung der Mehreinnahmen aus dem nationalen Emissionshandel wichtig.

Für Industrie und Gewerbe ist eine deutliche Verbesserung bei Förderinstrumenten zu nennen, die unter anderem deutlich höhere Zuschüsse als bisher vorsehen. Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien rechnen sich dadurch in vielen Fällen erheblich schneller als bisher. In der Konsequenz führt das – zusätzlich getrieben durch steigende Anforderungen von Investoren – dazu, dass Unternehmen der Frage, wie Emissionen abgesenkt werden können, bereits heute weit mehr Aufmerksamkeit widmen als noch vor wenigen Jahren.

 

Ab dem kommenden Jahr gelten CO2-Festpreise für Brennstoffe. Wie stark wird die CO2-Bepreisung das produzierende Gewerbe betreffen?

Unternehmen sollten als Erstes klären, wie stark sie direkt oder indirekt betroffen sind. Direkt betroffene Unternehmen, wie zum Beispiel Lieferanten von Erdgas, sollten jetzt mit den Vorbereitungen beginnen. Denn sie müssen bereits ab 2021 Emissionen berichten und Zertifikate erwerben und abgeben. Es gilt, interne Prozesse in den Unternehmen zu definieren und aufzubauen, mit den Kunden in Dialog zu treten und klare Zuständigkeiten und Handelsbefugnisse festzulegen.

Brennstoffverbraucher sind indirekt über die zusätzlichen Kosten für den Bezug von Brenn- und Kraftstoffen belastet, die von den Lieferanten weitergegeben werden müssen. Um Doppelerfassungen zu vermeiden, werden Betreiber von Anlagen im Anwendungsbereich des europäischen Emissionshandels ausgenommen sein, wenn sie es dem Lieferanten nachweisen können. Mit anderen Worten: Für im EU-Emissionshandel erfasste brennstoffbedingte Emissionen braucht der Lieferant in diesem Fall keine nationalen Emissionsrechte abgeben. Sofern das gegeben ist, sollte hier der Dialog gesucht werden.

 

Die Bundesregierung fördert Investitionen in den Klimaschutz. Auf welche Förderungen sollten Industriebetriebe achten?

Unternehmen sollten mittel- und langfristig eine Klimastrategie entwickeln. Voraussetzung dafür ist ein Carbon Footprint. Er bietet die Grundlage, um darauf aufbauend zu klären, welche Kosteneinsparungen bei CO2 und Energie wann möglich und welche Investitionen dafür nötig sind. Auf dieser Basis kann geklärt werden, ob und welche Förderinstrumente nutzbar sind. Sie reichen von Effizienzverbesserungen bei nahezu überall eingesetzten Querschnittstechnologien über den Einsatz erneuerbarer Energien in der Wärmeerzeugung oder die gezielte Nutzung von Abwärme bis hin zur Einführung neuer Technologien in spezifischen industriellen Prozessen, zum Beispiel auf Basis von Strom oder Wasserstoff.

 

Höhere Abgaben oder schärfere Grenzwerte werden in der Diskussion häufig mit dem Argument der internationalen Konkurrenzfähigkeit abgelehnt. Muss es für deutsche Unternehmen zwangsläufig ein Nachteil sein, wenn sie in Klimaschutz investieren?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. Wir stehen weltweit mitten in einer grundlegenden Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Unternehmen, die in Klimaschutz investieren, machen sich fit für die Zukunft. Klimarisiken von Unternehmen werden zunehmend als Investitionsrisiken betrachtet.

An der Notwendigkeit, in Klimaschutz zu investieren, gibt es also keinen Anlass zu zweifeln. Daran ändert auch die aktuelle Corona-Krise nichts. Im Gegenteil: Es zeichnet sich ab, dass Klimaschutz in der EU und in vielen Mitgliedsstaaten ein Leitmotiv für Post-Corona-Konjunktur-Programme wird. Am 27. Mai 2020 hat zum Beispiel die EU-Kommission ihr Wiederaufbau-Programm „Next Generation EU“ vorgestellt. Der „Green Deal“ nimmt darin eine zentrale Rolle ein. Kernelemente sind Gebäudesanierung, Kreislaufwirtschaft, Erneuerbare Energien, Wasserstoff, saubere Mobilität und Logistik. Dazu wird aber auch gehören, die im globalen Wettbewerb stehende europäische Industrie wie bisher durch geeignete Regelungen vor Carbon Leakage zu schützen. Und natürlich sind die zum Teil sehr hohen Investitionsbedarfe auch staatlich zu unterstützen oder abzusichern.

 

Deutschland hat das Klimaschutzgesetz verabschiedet, die EU den Green Deal und die Weltgemeinschaft das Pariser Abkommen. Wie bewerten Sie die Vielfalt an internationalen und nationalen Vereinbarungen?

Wir leben in einer komplexen, immer enger vernetzten Welt. Das Zusammenleben funktioniert aber nur, wenn Kompromisse zwischen den einzelstaatlichen Interessen erzielt werden. Die politischen Prozesse dafür gerade in Bezug auf das überlebenswichtige Thema Klimawandel sind kompliziert und die Ergebnisse und die Auseinandersetzung mit Kompromissen zwangsläufig komplex. Auch wir als Experten sehen uns täglich mit einer Flut an neuen Informationen konfrontiert, die wir sichten, einordnen und bewerten müssen, um die Unternehmen richtig beraten zu können. Für Entscheider ist es letztendlich am wichtigsten zu beurteilen, ob und wie ihr Unternehmen betroffen ist. Es lässt sich nicht bestreiten: Die Einarbeitung in diese Materie ist sicher keine einfache Aufgabe für Entscheider, aber die unternehmerischen Opportunitäten, die sich bieten können, sind doch sicher motivierend.

Eine weltweit einheitliche Klimapolitik mit einheitlichen Instrumenten ist aus meiner Sicht eine wünschenswerte, aber auf absehbare Zeit unerfüllbare Erwartung. Warum sollte sich die internationale Klimapolitik anders gestalten lassen als andere wirtschaftlich wichtige Politikfelder, die internationale Kooperation erfordern, zum Beispiel Währungs- oder Handelsfragen?

 

Wie können sich Unternehmen in dem regulatorischen Gemengelage zurechtfinden?

Wie bereits erwähnt, ist es am wichtigsten, immer zuerst individuelle Betroffenheit und Relevanz abzuklären. Entscheider sollten die Informationen nutzen, die ihnen von ihren Verbänden und von Industrie- und Handelskammern angeboten werden. Zusätzlich gibt es weitere niedrigschwellige Angebote, zum Beispiel Fachnewsletter oder Webinare und Weiterbildungsangebote. Und natürlich gibt es die Möglichkeit, fachliche Beratung in Anspruch zu nehmen.

 

Worauf müssen Unternehmen achten, damit sie als glaubwürdig wahrgenommen werden und CO2-Neutralität nicht ausschließlich über Kompensationsmaßnahmen erreichen, die oftmals als „Ablasshandel“ bezeichnet werden?

Zunächst erlaube ich mir Kritik an der häufig anzutreffenden Nutzung des Schlagwortes „Ablasshandel“. Wenn Unternehmen, staatliche Stellen – wie die Bundesverwaltung, einige Landesverwaltungen, Kommunen – und Privatpersonen freiwillig ihre Emissionen transparent kompensieren, tragen sie deutlich mehr zum globalen Klimaschutz bei als andere, die „nichts“ tun. Das pauschal zu diskreditieren, finde ich nicht in Ordnung. Aber natürlich gilt es, auch hier genauer hinzuschauen. Wer nur kompensiert und keine eigenen Reduktionsmaßnahmen ergreift, ist sicher auf dem falschen Dampfer. Nicht nur Emissionen aus eigenen Prozessen sollten unter die Lupe genommen werden, sondern auch die Emissionen aus der Anwendung eigener Produkte. Sonst läuft man Gefahr, dass Emissionsreduktionen bei Kunden zu Lasten des eigenen Absatzes gehen. Oder umgekehrt: Dass Vorteile eigener Produkte unternehmerisch nicht genutzt werden.

 

FutureCamp bietet zu den im Interview angesprochenen Themenfeldern CO2-Bilanzierung, Kompensation & Klimaneutralität sowie Klimaschutzgesetz, Klimaschutzprogramm 2030 und Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) ein modulares Webinarprogramm an. Weitere Informationen finden Sie unter:  https://www.future-camp.de/de/akademie

 

*Carbon Leakage: Der Begriff Carbon Leakage bezeichnet eine Situation, die eintreten kann, wenn Unternehmen aufgrund der mit Klimamaßnahmen verbundenen Kosten ihre Produktion in andere Länder mit weniger strengen Emissionsauflagen verlagern. Dies könnte zu einem Anstieg ihrer Gesamtemissionen führen.