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Experteninterview

Die Verpflichtung zur Klimaneutralität ist als immerwährender Prozess zu verstehen

Frau Dr. Beining, der TÜV SÜD zertifiziert Klimabilanzierungen von Unternehmen. Was verstehen Sie unter Klimaneutralität?

Da es sich um einen nicht geschützten Begriff handelt, existiert im Markt ein vielfältiges Angebot für die Klimaneutralitätsstellung – mit großen Unterschieden hinsichtlich Ambitionslevel und Qualitätsanspruch. Viele Aktivitäten beschränken sich allein auf die Kompensation, also den Ausgleich durch Emissionszertifikate, ohne eigene klimaschädliche Aktivitäten in den Blick zu nehmen. Bei TÜV SÜD arbeiten wir nach den Vorgaben der PAS 2060, der aktuell einzig verfügbaren Norm für die Klimaneutralität. Sie stellt sicher, dass alle wesentlichen Emissionsquellen bei der Klimaneutralitätsstellung berücksichtigt sind und keine Bereiche ausgeklammert werden. Außerdem gewährleistet der Standard, dass die vermeidbaren Treibhausgasemissionen tatsächlich reduziert und nur die unvermeidbaren Emissionen kompensiert werden.

 

Worauf kommt es bei der Klimaneutralitätsstellung besonders an?

Die Verpflichtung der Anwender zur Klimaneutralität ist als immerwährender Prozess zu verstehen, bei dem Verbesserungspotenziale regelmäßig ausgelotet werden müssen. Die gesteckten Klimaziele sollten in einer langfristigen Klimastrategie verankert werden. Sie sollte darauf ausgerichtet sein, dass die Aktivitäten ambitioniert sind und mit dem Ziel der Nettonullemissionen gemäß den Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens übereinstimmen.  Ein wichtiger Vorteil der Norm PAS 2060 liegt darin, dass die Anwender in regelmäßigen Abständen über den von ihnen gewählten Pfad der Klimaneutralität berichten. Diese Transparenz ermöglicht Kunden und anderen Interessensgruppen, nachzuvollziehen, dass es sich um ein ambitioniertes Klimaengagement und nicht bloß um reine Absichtserklärungen handelt.

 

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, um sich als Unternehmen zertifizieren zu lassen?

Gemäß den Anforderungen des gewählten Bilanzierungsstandards müssen die Unternehmen zunächst eine Treibhausbilanz vorlegen, eine Ergebnisrechnung mit einem begleitenden Methodenbericht. Darüber hinaus ist ein Klimaschutzfahrplan erforderlich, in dem Maßnahmen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen festgeschrieben sind. Als nächsten Schritt müssen die Anwender die unvermeidbaren Klimagase durch den Kauf von Emissionszertifikaten qualitativ hochwertiger Klimaschutzprojekte kompensieren. Um Doppelvermarktung zu vermeiden, ist es erforderlich, die Kompensation mit entsprechenden Stilllegungsnachweisen zu belegen, die dem jeweiligen Anwender und dem konkreten Verwendungszweck transparent zugeordnet sind. Schlussendlich müssen die Unternehmen zusätzlich zu dem TÜV SÜD-Zertifikat eine umfangreiche Verpflichtungserklärung veröffentlichen und sie möglichen Interessensgruppen zur Verfügung stellen.

 

Lassen sich eher Unternehmen zertifizieren, die schon etwas getan haben, oder dienen CO2-Bilanzen vielen als Anlass, etwas zu tun?

Sowohl als auch. Das Thema Klimaschutz erfährt seitens Politik und Öffentlichkeit aktuell große Aufmerksamkeit, sodass die Nachfrage von Unternehmen, die sich erstmalig konkret mit dem Thema auseinandersetzen, enorm gestiegen ist. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die schon seit Jahren das Ausmaß ihrer Geschäftstätigkeiten auf die Klimaerwärmung mittels Treibhausgasbilanzen erfassen, jedoch das Thema zunehmend strategisch begreifen und ihre Aktivitäten mehr und mehr in das umfassende Konzept der Klimaneutralität einbetten.

 

CO2-Bilanzen lassen sich entweder für ein Unternehmen insgesamt oder ein Produkt beziehungsweise eine Dienstleistung erstellen. Je nachdem spricht man von Corporate Carbon Footprint (CCF) oder Product Carbon Footprint (PCF). Welche Version wird mehr nachgefragt und warum?

Bei TÜV SÜD haben wir aktuell mehr Projekte zur unternehmensbezogenen als zur produktbezogenen Klimaneutralstellung. Die Gründe liegen in der jeweiligen Zielsetzung, die die Unternehmen verfolgen. Oftmals ist geplant, das Vorhaben im Nachhaltigkeitsbericht oder in Kapitalmarktratings zu kommunizieren. Eine produktbezogene Bilanzierung ist außerdem häufig mit größeren Herausforderungen verbunden, da

  • die Datenerfassung in der vor- oder nachgelagerten Wertschöpfungskette komplex sein kann,
  • die Vergleichbarkeit von verschiedenen Produkten erschwert ist, da immer projektspezifische Annahmen getroffen werden müssen oder die Datenlage uneinheitlich ist,
  • und die Schwierigkeit besteht, produktbezogene Aussagen, für die es keine im Detail einheitlichen Bilanzierungsregelungen gibt, in Form eines Prüfsiegels an die Verbraucher zu kommunizieren.

 

Sie bieten verschiedene Zertifizierungen an. Für CCF gibt es die internationalen Standards Greenhouse Gas Protocol (GHG) und ISO 14064(1). Für PCF existieren die Publicly Available Specification (PAS 2050) und die GHG Product Accounting and Reporting Standards. Worin liegen die Unterschiede?

Bei PCF wäre die ISO 14067 als weiterer Standard zu nennen. Die Anforderungen der einzelnen Standards sind seit der letzten Revision der ISO-Norm weitgehend harmonisiert und ohne Einschränkungen für die von den Unternehmen genutzten Anwendungsbereiche einsetzbar. Unterschiede bei CCF ergeben sich im globalen Verbreitungsgrad, dem Detaillierungsgrad bei der Klassifizierung von Emissionsquellen sowie dem Umfang der zur Verfügung gestellten Anleitungen oder Praxisbeispielen.

 

Energie- und Umweltmanagement spielen eine Rolle für den Energie- und Umweltverbrauch von Unternehmen. Haben dementsprechend die Normen ISO 50001 und DIN EN 16247 sowie ISO 14001 eine Bedeutung für Klimaneutralität?

Oftmals gehören die Energieverbräuche eines Unternehmens zu den wesentlichen Emissionsquellen. Daher stellen Energie- und Umweltmanagementsysteme ein wichtiges Instrument zur Steuerung der durch sie bedingten Treibhausgasemissionen dar, zum Beispiel durch Energieeffizienzmaßnahmen oder den Einsatz von erneuerbaren Energieträgern. Für eine klimaneutrale Wirtschaftsweise ist es daher hilfreich, wenn die Unternehmen auf solchen Managementsystemen aufbauen können.

 

 

Wichtige Standards und Normen, für Unternehmen, die ihre Emissionen senken wollen

GHG – Greenhouse Gas Protocol
Das GHG Protocol gilt als der verbreitetste Standard, um Treibhausgasbilanzen von Unternehmen sowie von Produkten über deren Lebenszyklus zu erstellen. Es handelt sich um eine private, von dem World Resources Institute (WRI) und dem World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) koordinierte Zertifizierung. Sie berücksichtigt direkte Emissionen aus eigenen Anlagen, indirekte Emissionen durch Energieerzeugung sowie entlang von Wertschöpfungsketten. Die Richtlinien geben vor, auf welche Weise die Emissionswerte errechnet werden. Für eine Überwachung sollen externe Institute hinzugezogen werden.

ISO 14064
Die Norm ISO 14064 enthält Leitlinien und Anforderungen, wie sich Treibhausgasemissionen quantifizieren, überwachen und verifizieren lassen – sowohl auf Organisations- als auf Projektebene. Sie wendet sich neben Unternehmen auch an Regierungen und andere Organisationen. In ihrem Ansatz ähnelt sie dem GHG.

PAS 2060
Die internationale Spezifikation PAS 2060 der British Standards Institution (BSI) geht über eine Berechnung von Treibhausgasemissionen hinaus. Sie stellt Unternehmen konkrete Anforderungen an Klimaneutralität, die überprüft werden müssen. Die Unternehmen müssen einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen zur CO2-Reduktion und Minderungszielen erstellen und umsetzen. Der Fortschritt der Umsetzung sowie die Auswirkung der Maßnahmen müssen geprüft und korrigiert werden, falls die CO2-Reduktion nicht erreicht wird.

PAS 2050
Mit der PAS 2050 hat das British Standards Institution eine Standardmethode geschaffen, um den Carbon Footprint von Produkten und Dienstleistungen zu erstellen. Mit ihr lassen sich die CO2-Bilanzen verschiedener Produkte und Dienstleistungen miteinander vergleichen.

ISO 14067
Um den CO2-Fußabdruck von Produkten zu ermitteln, kann die Norm ISO 14067 herangezogen werden. Sie berücksichtigt den Lebenszyklus eines Produkts von der Herstellung der Rohstoffe bis zum fertigen Produkt. Die Lebenszyklusanalysen können von einer externen Partei validiert und/oder verifiziert werden.

ISO 50001
Die ISO 50001 unterstützt Organisationen und Unternehmen beim Aufbau, Betrieb und Optimierung eines systematischen Energiemanagements. Ein systematisches Energiemanagement hilft, die Energieeffizienz im Unternehmen zu steigern und damit den Energieverbrauch zu senken. Ein verminderter Energieverbrauch führt zu geringeren Treibhausgasemissionen.  Mit dem Standard lassen sich Energieeinsparpotenziale erkennen und entsprechende Maßnahmen einleiten.

DIN EN 16247
Die EN 16247 legt die Anforderungen an Energieaudits von Gebäuden, Prozessen und Transport fest. Bei einem Energieaudit handelt es sich um eine systematische Untersuchung des Energieeinsatzes und Energieverbrauchs. Es dient als Grundlage, die Energieeffizienz zu verbessern.

ISO 14001
Bei der ISO 14001 handelt es sich um einen Standard für den Aufbau, die Aufrechterhaltung und die fortlaufende Verbesserung eines Umweltmanagementsystems. Er hilft Unternehmen, Umweltziele festzulegen und entsprechenden Maßnahmen, Zuständigkeiten und Verfahrensweisen einzuführen, um negative Umweltauswirkungen wie Treibhausgasemissionen zu minimieren.