„Wir müssen aus dem reinen energiewirtschaftlichen Silo raus"

Experteninterview – 15. Juli 2026

Mit einer neuen Agri-PV Taskforce will der Global Solar Council das bislang wenig genutzte Marktpotenzial von Agri-Photovoltaik heben und branchenübergreifend Standards schaffen und Aufklärungsarbeit leisten.

Im Interview mit Jochen Hauff sprechen wir über die Ziele der Taskforce, die größten Hürden auf dem Weg zu mehr Agri-PV weltweit und warum das Thema gerade jetzt an Fahrt gewinnt.

Warum wird Agri-PV gerade jetzt zum Thema, und wieso braucht es dafür eine eigene Taskforce des Global Solar Council?

Agri-PV ist derzeit noch ein kleines aber dynamisch wachsendes Nischensegment im globalen Solarmarkt – genau deshalb will es der Global Solar Council jetzt stärker in den Fokus rücken. Wir sehen ein enormes, bislang kaum erschlossenes Potenzial, das in Summe zu mehr Solarzubau führen kann. Gleichzeitig ist Agri-PV zwar ein dynamisches, aber auch ein unscharfes Segment: Fast jeder kann sein Projekt „Agri-PV” nennen. Aber handelt es sich um Agri-PV wenn eine Standard-PV-Anlage einige Schafe zum Grünmanagement einsetzt oder wenn einige Bienenstöcke daneben stehen? Diese Grauzone wollen wir auflösen, indem wir die verschiedenen Definitionen sichten und uns im besten Fall auf eine global gültige Grobdefinition und Nomenklatur einigen. Damit erhöhen wir zum einen die Transparenz über das tatsächliche Marktgeschehen, zum anderen wollen wir gemeinsam mit den nationalen Mitgliedsverbänden die regulatorischen Barrieren angehen, die es in vielen Ländern noch gibt. Kurz gesagt: Agri-PV ist heute eine Nische mit viel Dynamik – und genau deshalb braucht es jetzt Definition, Struktur und Koordination. Und mit Nextpower und Philipp Kunze als Vorsitzender, haben wir ein Mitgliedsunternehmen des GSC für die Unterstützung der Task Force in genau dieser wichtigen Marktphase gewinnen können.

Das klingt komplex – global auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Ja und nein. Der Global Solar Council hat viele nationale und regionale Mitgliedsorganisationen, in Europa etwa SolarPower Europe, aber auch Verbände in Amerika, Oceanien, Asien und Afrika. Wir versuchen also nicht, allein aus einer globalen Zentrale heraus die ganze Welt zu verstehen, sondern wollen einen Kommunikationsprozess zwischen den Mitgliedsverbänden orchestrieren, die hier Bedarf sehen. Es ist völlig klar, dass wir keine gerichtsfeste globale Definition für 200 Länder erarbeiten können. Wir können aber zeigen, was wo bereits funktioniert hat, und die Mitglieder dazu anregen, sich die Erfahrungen anderer genauer anzuschauen. Der Global Solar Council versteht sich hier als Plattform, Katalysator und Facilitator für diesen Austausch – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Welchen Herausforderungen und Aufgaben wird sich die Taskforce konkret widmen?

Die größte Herausforderung ist die globale Koordination. Zunächst geht es darum, eine stimmige – oder auch mehrere abgestufte – Definitionen von Agri-PV zu erarbeiten. Darauf aufbauend wollen wir Datentransparenz schaffen: Es gibt bereits gute, aber heterogene Datenquellen, etwa die AgriSolar Karte von SolarPower Europe, die InSPIRE Datenbank in den USA oder einer WRI-Studie zu China, die aber alle auf unterschiedlichen Definitionen basieren. Deshalb starten wir jetzt mit der Gründung der Taskforce und wollen in den nächsten Monaten mit den Mitgliedern ein erstes Positionspapier erarbeiten, das bis zum Herbst zur globalen Klimakonferenz vorliegen soll. Für 2027 ist – vorbehaltlich der nötigen Finanzierung – ein umfassender Market Report zu Agri-PV geplant.

Ein gutes Beispiel für die Bedeutung von Regulierungen sind Deutschland, Frankreich und Italien, wo der Markt sich belebt hat, weil klargestellt wurde, dass Agri-PV-Flächen weiterhin als Agrarland gelten. In Polen dagegen, wo enormes Potenzial besteht, müssen Landwirte ihr Land derzeit explizit entwidmen, um PV installieren zu dürfen – eine massive Hürde, obwohl unter den Modulreihen weiterhin Landwirtschaft stattfindet. Solche nationalen Stellschrauben lösen wir als GSC nicht direkt, sondern unterstützen die jeweiligen Mitglieder dabei mit dem Verweis auf globale Trends und funktionierende Beispiele und mit der generellen Verbesserung der globalen Wahrnehmung von Agri-PV.

Zum einen ist da die schiere Größe des Potenzials: Aktuell sind weltweit etwa 3 Terawatt Photovoltaik installiert. Das theoretische Agri-PV-Potenzial wird dagegen auf knapp 33 Terawatt geschätzt – mehr als das Zehnfache – unter der Annahme, dass nur ein Prozent der weltweit verfügbaren Agrarflächen genutzt wird. Rund ein Terawatt Potenzial davon existiert allein in Europa und 3,4 Terawatt in Nordamerika. Die verfügbare Fläche ist also nicht das Hauptproblem, sondern eher die notwendige Systemumstellung bei Netzausbau, Speichern und Digitalisierung.

Der zweite, mindestens ebenso wichtige Grund ist gesellschaftlicher Natur: In vielen Ländern erleben wir wachsende politische Polarisierung und einen zunehmenden Stadt-Land-Gegensatz. Ländliche Gemeinden fühlen sich abgehängt von Entscheidungen die über ihr Land und ihre Lebensbedingungen getroffen werden. Energieinfrastruktur kann dann als Zumutung, nicht als Chane begriffen werden. Agri-PV kann hier gegensteuern, weil sie Landwirte aktiv an der Wertschöpfung beteiligt, statt Land nur einzuzäunen und zu verpachten. Zusätzlich hilft Agri-PV ganz praktisch gegen die Folgen des Klimawandels: Sie reduziert Verdunstung, schützt vor Winderosion und erhöht durch Blühstreifen die Biodiversität auf dem Acker. Nicht zuletzt kann der stabile, bankable Cashflow aus Agri-PV-Projekten Landwirten den Umstieg auf klimaresiliente, regenerative Anbaumethoden erleichtern.

Welche Vorteile bietet eine länderübergreifende Zusammenarbeit bei Agri-PV – und wie unterschiedlich sind die Bedarfe der einzelnen Länder?

Die Anwendungsformen von Agri-PV unterscheiden sich stark je nach Klimazone und landwirtschaftlicher Struktur, das Bild ist entsprechend heterogen. In Ländern mit riesigen Flächen wie China wird Agri-PV z.B. auch für „Desert Reclamation” genützt, also dafür, Wüstenflächen mithilfe der Wind-Verschattung durch Solarmodule wieder in Grasland zu verwandeln. In vielen afrikanischen Ländern dagegen steht die ländliche Elektrifizierung im Vordergrund, etwa um Kleinbauern elektrische betriebene Bewässerung oder eine Kühlkette zu ermöglichen. Genau diese Bandbreite sichtbar zu machen, ist eine zentrale Funktion des Global Solar Council, der ursprünglich gegründet wurde, damit der Solarsektor am Tisch sitzt, wenn auf internationaler Ebene über Energie- und Klimapolitik gesprochen wird – etwa bei der Weltklimakonferenz, G7, G20 oder mit der Welternährungsoganisation der Vereinten Nationen. Wir bündeln dafür die Positionen unserer Mitglieder und bringen sie in diese wichtigen Gremien ein. Genauso wichtig ist der Austausch zwischen den Mitgliedern selbst: Die Mitglieder erarbeiten die Ergebnisse und bestimmen letztlich, welche Untersuchungen benötigt werden, um einen positiven Beitrag leisten zu können.

Wo siehst du derzeit die größten Hürden in der praktischen Umsetzung von Agri-PV – etwa bei Genehmigung, Finanzierung, Akzeptanz oder technischen Standards?

Die Akzeptanz sehe ich klar auf der positiven Seite – sie ist einer der Hauptgründe, warum wir Agri-PV vorantreiben sollten, weil Landwirtinnen und Landwirte nicht aufhören müssen, Lebensmittel zu produzieren, um Solarenergie zu erzeugen. Die eigentliche Barriere liegt eher darin, dass der Solarsektor Landwirtschaft als System verstehen muss. Wir müssen lernen, wie wir die Nahrungsmittelproduktion optimieren und zugleich effizient Strom produzieren. Es ist entscheidend, dass wir verstehen, dass Agri-PV mehr ist als ein – komplizierter – Weg um Genehmigungsprozesse zu managen.

Eine weitere Hürde ist die Unsicherheit: Zwar gibt es bereits viele Beispiele der Begleitforschung zur landwirtschaftlichen Produktivität, doch diese liefern notwendigerweise nur punktuelle Ergebnisse. Zum Beispiel können Ergebnisse aus drei Jahren Weizenanbau in Süddeutschland unter PV sich kaum auf andere Regionen oder Kulturen wie Wein in Südfrankreich übertragen lassen. Umso wichtiger ist es, pragmatisch zu sortieren: Was wissen wir bereits sicher, was funktioniert mit hoher Wahrscheinlichkeit, und wo betreten wir echtes Neuland? Dafür braucht es unternehmerischen Gestaltungswillen und Menschen, die die Schnittstelle zwischen Energie, Landwirtschaft und F&E wirklich verstehen wollen.

Welche konkreten Ergebnisse soll die Taskforce in den nächsten ein bis zwei Jahren liefern?

Der erste Impuls ist die offizielle Gründung der Taskforce. Mit Nextpower als Vorsitzenden, einer großen Anzahl von Interessenbekundungen von GSC-Mitgliedern sowie weiteren Industrie-Unternehmen werden wir über eine relevante Bandbreite von Inputs und Erfahrungen verfügen. Zudem sind wir im aktiven Austausch mit Partnerorganisationen aus dem Agrarsektor, deren Mitarbeit entscheidend für den Erfolg der Task Force sein wird.
Schon bei der Auftaktveranstaltung, während der Intersolar, brachten Vertreter aus dem globalen Solarsektor sowie Agrar-Vertreter ihre Perspektiven ein, die wir nun in ein erstes Briefing-Papier verdichten wollen. Dieses soll dann als abgestimmte Position der GSC-Mitglieder auf internationalen Foren wie die COP 31 in der Türkei im November vorgestellt werden. Das Papier wird dann auch dazu dienen, den Austausch mit Organisationen wie dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und anderer übergreifender Organisationen zu vertiefen.

Parallel leisten wir Grundlagenarbeit bei Daten, Fakten und Definitionen, damit wir 2027 mit einer verbesserten Datenbasis fundierte Aussagen treffen können. Wie umfangreich wir das Programm ausbauen, hängt vom Interesse und der Unterstützung der Mitglieder ab. Ich bin mir sehr sicher, dass das Wachstum der Agri-PV vom Nischenthema zum globalen Markttrend viele Vorteile für alle involvierten Akteure haben wird. Der GSC lädt interessierte Akteure aus dem Solar, Agrar- und Lebensmittelsektor global ein, sich daran zu beteiligen.

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