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Start-up-Interview: „Unsere Lösung greift nicht auf das öffentliche Netz zurück“

Andreas Eberhardt

Andreas Eberhardt hat Pionierkraft zusammen mit Nicolas Schwaab gegründet. Ihre Lösung ermöglicht das unkomplizierte Teilen von erneuerbarem Strom zwischen Nachbarn. (Copyright: Pionierkraft)

 

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Pionierkraft ermöglicht den einfachen und wirtschaftlichen Verkauf des eigenen Stroms an Nachbarn

Das Start-up Pionierkraft aus München hat mit seinem Pionierkraftwerk eine Hard- und Software entwickelt, die das Teilen von Solarstrom in kleineren Mehrfamilienhäusern ermöglicht. So lässt sich dezentraler, erneuerbarer Strom auch dort wirtschaftlich und ohne viel Bürokratie erzeugen, wo Mieterstromprojekte nicht in Frage kommen. Andreas Eberhardt, Mitgründer und Geschäftsführer, erklärt im Interview, wie das Pionierkraftwerk funktioniert und wie Hausbesitzer und Mieter, aber auch Stadtwerke und Energieversorger davon profitieren können.

 

Herr Eberhardt, in ihrem ersten Pilotprojekt, das wir vor einigen Wochen in unserem EM-Power-Newsletter vorgestellt haben, teilt der Besitzer eines Zweifamilienhauses seinen Solarstrom mit seinem Mieter. Wie funktioniert das Energy Sharing mit dem Pionierkraftwerk?

Das erkläre ich am besten anhand eines Beispiels: Der Betreiber einer PV-Anlage verbraucht einen Teil seines Solarstroms selbst, übrig bleibt eine Überschusserzeugungsleistung von 2 kW. Wenn der Mieter nun einen Verbrauch von 3 kW hat, liefert ihm das Pionierkraftwerk 2 kW aus dem überschüssigen Solarstrom. Dadurch sinkt die gering vergütete Einspeiseleistung auf null, gleichzeitig wird der teurere Reststrombezug aus dem Netz des Mieters auf 1 kW reduziert. Das heißt, es wird immer genau so viel Leistung übertragen, wie einerseits nach Eigenverbrauch noch übrig ist, und andererseits auch beim Nachbar verbraucht wird. Denn eine Stromeinspeisung am Netzanschlusspunkt des Mieters muss ganz strikt verhindert werden. Durch unsere schnelle Regelung ist das aber kein Problem, das haben Netzbetreiber im Rahmen unserer Pilotprojekte bereits bestätigt.

Wichtig ist, dass wir mit dem Pionierkraftwerk im Gegensatz zu anderen Lösungen nicht auf das öffentliche Stromnetz zurückgreifen. Dadurch werden weder Netzentgelte noch sonstige an die Benutzung des öffentlichen Netzes gekoppelte Abgaben fällig, die den Verkaufserlös belasten. Das heißt, sowohl der Hausbesitzer, der den Strom erzeugt als auch seine Mieter oder Nachbarn behalten unverändert ihren eigenen Netzanschluss. Es handelt sich bei unserer Lösung um eine sogenannte Ergänzungsstromlieferung an die Mieter.

 

Wie werden die Energieflüsse erfasst?

Dazu benutzen wir einen geeichten Hutschienenzähler, der die Daten über eine Schnittstelle an das Pionierkraftwerk kommuniziert. Dieses wiederum ist über das Internet mit unserer Pionierkraft-Plattform verbunden.

 

Das heißt, es werden keine Smart Meter benötigt?

Genau. Um unabhängig von den Gegebenheiten vor Ort zu sein, setzen wir eigene Leistungsmesser ähnlich wie bei einer Batteriespeicherinstallation ein, die die aktuelle Einspeisung und den aktuellen Verbrauch der Mieter erfassen. In Objekten mit bereits installierten Smart Metern oder elektronischen Haushaltszählern könnte man diese Informationen auch direkt von den vorhandenen Geräten abgreifen.

 

Die groß ist der Aufwand für die Installation des Pionierkraftwerks?

Der ist gering. Das Pionierkraftwerk selbst hat etwa die Größe eines PV-Wechselrichters und wird im Zählerraum neben dem Zählerkasten an eine Wand montiert. Es gibt auch keinen großartigen Kabelverlegungsaufwand. Bei unserem eingangs erwähnten Pilotprojekt haben wir insgesamt lediglich fünf Meter Kabel benötigt. Unsere Lösung eignet sich sowohl für neue als auch für Bestandsanlagen, wie der im Allgäu, wo bereits eine PV-Anlage vorhanden war.

 

Wie funktioniert die Abrechnung des Stroms zwischen Anlagenbesitzer und Mieter oder Nachbar? Und wer legt den Preis einer kWh fest?

Wir stellen dem Kunden einen Musterstromliefervertrag zur Verfügung, mit dem er die Stromlieferung sauber abwickeln kann. Den Preis für die gelieferte kWh verhandeln Erzeuger und Mieter eigenständig. Unter Berücksichtigung von Investitionskosten, Strompreisen und Einspeisevergütungen machen wir unseren Kunden einen Vorschlag für den optimalen Stromlieferpreis, der ist aber nicht bindend.

Die Abrechnung selbst läuft – wenn der Kunde das möchte -  ganz bequem über unsere Pionierkraft-Plattform. Basierend auf den erfassten Energiemengen kümmert die sich vollautomatisiert um die Rechnungsstellung und die Durchführung verbleibender Meldepflichten. Außerdem bietet sie eine übersichtliche und transparente Darstellung der erzeugten, gelieferten und verbrauchten Strommenge.

 

Wer gehört zu Ihrer Zielgruppe?

Unser Pionierkraftwerk ist vor allem für die Eigentümer kleinerer Mehrfamilienhäuser (MFH) die ideale Lösung, bei denen sich herkömmliche Mieterstromprojekte zu den heutigen Bedingungen nicht lohnen. Denn damit können sie den eigenen PV-Strom wirtschaftlich und betreiberfreundlich ohne administrativen Aufwand an ihre Mitbewohner liefern. Besonders interessant sind für uns auch Misch- und Gewerbeimmobilien mit einem hohen Strombedarf tagsüber zur Zeiten der solaren Energieerzeugung.

 

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Ihrer Lösung des Energy Sharings und Mieterstromprojekten?

Bei unserer Lösung wird ausschließlich die beim Stromerzeuger nach Eigenverbrauch verbleibende Überschussleistung an die Mieter geliefert. Dadurch ist kein aufwendiges und teures Messkonzept wie bei Mieterstrom nötig.

Die Ergänzungsstromlieferung bedeutet für den Anlagenbetreiber zum einen ein wesentlich geringeres Risiko, da er seinen Mietern nur die günstige, eigenerzeugte Energie liefert und keinen teuren Strom aus dem Netz für die Reststrombelieferung zukaufen muss. Und zum anderen kommt er in keine Vollversorgungpflicht, was zu wesentlich geringeren administrativen Aufwendungen und Pflichten führt. Zudem ist, abweichend zum geförderten Mieterstrom, die Kopplung von Stromliefer- und Mietvertrag möglich. Somit hat der Anlagenbetreiber die entsprechende Investitionssicherheit, falls die Mieter wechseln.

Für den Mieter bedeutet die Ergänzungsstromlieferung, dass er weiterhin Strom aus dem öffentlichen Netz bezieht und dafür seinen Energieversorger frei wählen kann.

 

Gibt es irgendwelche Voraussetzungen, zum Beispiel seitens der Netzbetreiber, um ein Pionierkraftwerk anschließen zu dürfen?

Wir haben unsere Lösung daraufhin rechtlich prüfen lassen, dass kein genehmigungspflichtiger Netzbetrieb vorliegt. Nach heutigem Stand der Regulatorik und Technik gibt es keine Hürden, die den Einbau eines solchen Systems behindern würden. Aber alle 800 Netzbetreiber in Deutschland haben ihre eigenen, wenngleich sehr ähnlichen technischen Anschlussbedingungen. Um Akzeptanz zu schaffen, wollen wir jetzt gemeinsam unsere Lösung in das Feld bringen und zum Markteinstieg einige Referenzprojekte gemeinsam mit Energieversorgern, Kommunen und unseren Pilotkunden vor Ort umsetzen. Auch um gegebenenfalls bisher noch unbekannte Hürden zu identifizieren und im weiteren Betrieb berücksichtigen zu können.

 

Ihr erstes Pilotprojekt haben Sie zusammen mit dem Elektrizitätswerk Reutte gestartet. Welches Interesse haben Energieversorger an Ihrer Lösung? Die verkaufen doch dann weniger Strom?

Energieversorger oder Stadtwerke haben mit sinkenden Margen in ihrem Kerngeschäft zu kämpfen. Wir unterstützen sie auf dem Weg vom reinen Energie- zum Lösungsanbieter. Das heißt, sie können mit unserer Lösung neue Kundengruppen adressieren, wie etwa die Eigentümer kleinerer MFH, für die sie heute noch keine Lösung haben. Sie können größere PV-Projekte realisieren und ihren Post-EEG-Kunden, also deren Anlagen jetzt über 20 Jahre alt werden, eine wirtschaftliche Lösung zum Weiterbetrieb anbieten. Dadurch verbessern sie ihre Kundenbindung und können zusätzlich weitere Produkte, wie z.B. die Reststromlieferung, aus ihrem Portfolio anbieten.

Und abgesehen von den wirtschaftlichen Aspekten darf man das in der Bevölkerung stark zunehmende Bewusstsein für erneuerbare Energie nicht unterschätzen. Die Erwartungshaltung an die Energieversorger wächst, die Energiewende zu unterstützen. Die Kunden erwarten, dass die Energieversorger Ihnen nachhaltige Produkte anbieten können.  

 

Was lohnt sich mehr? Die Einspeisung des eigenen Solarstroms ins Netz mit Einspeisevergütung oder der Verkauf des Stroms an die Nachbarn?

Unser Fokus liegt auf Erzeugungsanlagen, die nur noch eine geringe bis keine Einspeisevergütung mehr erhalten, wie z.B. PV-Anlagen ab dem Jahr 2013. Bei diesen Anlagen ist der Eigenverbrauch nach heutigem EEG grundsätzlich das wirtschaftlich Sinnvollste. Erst der verbleibende, aber zumeist sehr große Überschuss an Energie wird im nächsten Schritt über das Pionierkraftwerk an den Nachbarn geliefert. Nach Berechnungen mit Erzeugungs- und Lastprofilen und den ersten Erfahrungen mit unserem seit April laufenden Piloten gehen wir davon aus, dass pro Haushalt eine Energieliefermenge von ungefähr 1.500 kWh/a machbar ist, natürlich immer abhängig vom Szenario.

Im nächsten Entwicklungsschritt wollen wir Batteriespeicher zur gemeinschaftlichen Nutzung in das Pionierkraftwerk integrieren. Damit können wir Stromerzeugung und Verbrauch zeitlich entkoppeln und die mögliche Energieliefermenge erhöhen. Dadurch verkürzt sich die Amortisationszeit des Systems und gleichzeitig kann der Batteriespeicher viel effizienter genutzt werden.

 

Welche Neuerungen haben Sie noch geplant?

Das Pionierkraftwerk wird als nächstes auch mehrere Mieter beliefern können. Und wir wollen unseren Kunden in Zukunft noch weitere Services anbieten, etwa Handlungsempfehlungen für die optimale Nutzung der dezentralen Energie. Zum Beispiel indem wir ihnen raten, ihre Waschmaschine doch mal tagsüber anzuschalten, denn da kommt der Strom direkt vom Nachbarn und ist zudem viel günstiger.

 

Ist das Pionierkraftwerk auch für andere Stromerzeuger, wie BHKW oder Windkraftanlagen, geeignet?

Das Pionierkraftwerk ist so konzipiert, dass es unabhängig von der Quelle des erneuerbaren Stroms eingesetzt werden kann. Im nächsten Piloten beispielsweise werden wir die Energie eines kleinen Laufwasserkraftwerks an einen benachbarten Mieter liefern. Ein weiteres sehr interessantes Szenario ist das Zusammenspiel von zwei unterschiedlichen Erzeugungsanlagen, wie ein BHKW und eine PV-Anlage. Tagsüber kann dann z.B. die Sonnenenergie in die eine und nachts die Energie des BHKWs in die andere Richtung geliefert werden.

 

Das Pionierkraftwerk basiert auf Ihrer Bachelorarbeit. Ihr Professor damals wollte ebenfalls gern seinen Solarstrom mit Nachbarn teilen. Wird er einer Ihrer ersten Kunden sein?

Unsere Anfänge gehen wirklich weit bis zu meiner Bachelorarbeit unter der Betreuung von Professor Simon Schramm an der Hochschule München zurück. Wenn man so zurückblickt, ist es kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht. Ich bin stolz auf das, was wir mit unserem supermotivierten Team und unseren Investoren, die die gleiche Überzeugung antreibt wie uns, bis heute geschafft haben. Und ich gehe selbstverständlich davon aus, dass Professor Schramm, der unsere Ideen und auch das heutige Start-up schon seit Jahren unterstützt, einer unserer ersten Kunden wird.

Das Interview führte Simone Pabst

Weitere Informationen: Pionierkraft