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Start-up-Interview: „2019 hat alles geändert, die Nachfrage ist explodiert“

Dr. Ernesto Garnier

„Wir sind unseres Wissens die einzigen, die als Anbieter selbst Mieterstrom erzeugen und verteilen und gleichzeitig die Software im Hintergrund entwickeln“, sagt Einhundert Energie Gründer Dr. Ernesto Garnier. (Copyright: Einhundert Energie)

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Einhundert Energie will durch Mieterstromanlagen die Energiewende voranbringen. Das Kölner Start-up plant, installiert und betreibt PV-Anlagen, beliefert die Mieter mit Strom und rechnet ihn ab. Auf Wunsch finanziert das 2017 gegründete Unternehmen die Anlagen sogar. Weil es die Planung und Abrechnung standardisiert und digitalisiert hat, lohnt sich das schon bei relativ kleinen Mehrfamilienhäusern. Dr. Ernesto Garnier, Gründer und CEO, erklärt sein Geschäftsmodell im Interview.

 

Im Sommer 2017 trat das neue Mieterstromgesetz in Kraft, das Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern fördert. Im gleichen Jahr haben Sie Ihr Unternehmen Einhundert Energie gegründet. Wo haben Sie hier die Lücke für Ihr Unternehmen gesehen?

Ich habe vorher sechs Jahre lang für eine Unternehmensberatung gearbeitet, vornehmlich für größere Unternehmen der deutschen Energiewirtschaft. Deren Strategien, aber auch die IT-Architektur waren nicht darauf ausgerichtet, in Mehrparteienhäusern eine dezentrale Energieerzeugung mit komplett digitalem Management schnell umzusetzen. Es war aber klar, dass das Mieterstromgesetz kommen wird und auch der Smart Meter Rollout. Unsere Motivation war es, auf diesem Markt mit einer von Grund auf dafür entwickelten Software vorne mit dabei zu sein.

Wie haben Sie Ihr Geschäft aufgebaut?

Uns war klar, dass die Vermieter nur dann in eine Mieterstromanlage investieren würden, wenn es einfach für sie ist und sie sich nicht großartig darum kümmern müssen, vor allem nicht bei der Abrechnung. Die gesamte Abwicklung sollte auf Knopfdruck funktionieren, wenn man Mieterstrom in großem Maßstab realisieren will. Darum haben wir rund um den Smart Meter eine digitale Betreiberplattform aufgebaut. Mit einer großen Vermieterkundin haben wir 2017 losgelegt und die erste Mieterstromanlage in Bremen ans Netz gebracht, danach die erste in Köln. An diesen Objekten haben wir unsere Plattform professionalisiert und automatisiert.

Welche Vorteile bieten Sie den Gebäudeeigentümern, Verwaltern oder Projektentwicklern?

Mit unserem Angebot kann man Mieterstrom machen, ohne sich darum kümmern zu müssen. Vor allem die Abwicklung von Mieterstrom ist sehr komplex: Man muss in die Gebäude und Zähler ablesen, man muss die Stromsteuer und EEG-Umlage beachten, man muss auch abgrenzen, was die Mieter verbraucht haben, die nicht mitmachen. Das sind Unmengen von Daten und Informationen, die abgeglichen werden müssen. Mit unserem Angebot braucht sich der Immobilieneigentümer um die Abwicklung nicht zu kümmern. Er kann in erneuerbare Energien investieren, Betriebskosten sparen, seinen Mietern einen Mehrwert bieten und nebenbei sogar noch Geld verdienen.

Ihr Komplettpaket bieten Sie unter dem Namen 100.solarhaus an. Wie läuft so ein Mieterstromprojekt typischerweise ab?

Große Immobilieneigentümer übermitteln uns eine Liste von Gebäuden. Das können zehn aber auch 400 sein. Wir haben ein eigenes proprietäres Tool, in dem wir die Adressen mit Satellitenbildern und verschiedenen Gebäudedaten, die wir vom Vermieter bekommen, verarbeiten. Heraus kommt eine Kalkulation, die sagt, wie viel Photovoltaik passt auf das Gebäudedach, wie viel Solarstrom wird die Anlage produzieren und welche Messtechnik muss verbaut werden, um den Mieterstrom digital abwickeln zu können. Der Immobilieneigentümer bekommt ein Angebot, wie hoch die Kosten für die Technik sein werden und wie viel Rendite er damit erwirtschaften kann. In 90% der Fälle ist der Immobilieneigentümer der Investor, das heißt, wir verkaufen ihm die PV-Anlagen auf seinem Dach und die Messtechnik und pachten sie dann zurück. Dafür dürfen wir sie exklusiv nutzen und als Stromanbieter die Mieter im Gebäude zu einem günstigen Tarif mit Strom beliefern.

Muss der Mieter dann Ihren Strom nehmen?

Nein, nur wenn der Mieter das will, meldet er sich bei uns an, wie bei einem ganz normalen Stromversorger. Wir installieren bzw. wechseln den Zähler. Der Mieter lädt sich dann noch unsere App auf das Smartphone oder Tablet und sieht jederzeit live seinen Verbrauch. Er bezahlt keine monatlichen Abschläge mehr, sondern nur noch den Strom, den er wirklich gebraucht hat. Durch die Smart Meter und unsere Software geschieht das alles digital, ohne dass jemand zum Ablesen der Zählerstände in die Wohnung kommen muss.

Mit wie viel Pacht kann der Vermieter rechnen?

Die Rendite liegt so zwischen drei und sieben Prozent. Bei der Kalkulation der Pacht spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, wie groß ist die Anlage, was für eine Mieterschaft ist da drin, ist vielleicht eine Wärmepumpe installiert, die zusätzlich Strom verbraucht.

Wie lange laufen die Pachtverträge?

Mit den Gebäudeeigentümern haben wir in der Regel eine Mindestvertragslaufzeit von acht Jahren. Im Normalfall haben aber beide Parteien das Ziel, den Vertrag über die gesamte Laufzeit der Solaranlage weiterzuführen, also für 20-25 Jahre.

Sie bieten noch ein zweites Modell von 100.solarhaus an, bei der Sie auch die Investition in die Anlagentechnik übernehmen?

Wenn ein Immobilieneigentümer unsere Idee super findet, aber selbst kein Geld reinstecken will, übernehmen wir die Investition und bezahlen dem Vermieter eine kleine Pacht dafür, dass wir sein Dach nutzen dürfen. Anfangs dachten wir, dass die Immobilienbranche zurückhaltend ist und diese Variante die häufigste sein würde. Momentan kommt das aber ganz selten vor. So gut wie allen Immobilienbesitzern gefällt die Idee, selbst zu investieren und direkt an der Mieterstromanlage teilzuhaben.

Ab welcher Gebäudegröße bieten Sie 100.solarhaus überhaupt an?

Da wir die Projekte relativ automatisiert abwickeln, liegt unsere Schmerzgrenze im Bestand bei acht Wohneinheiten; typisch sind 15–30. Damit sind wir nicht wie andere Mieterstromanbieter nur auf die ganz großen Objekte fokussiert, sondern konzentrieren uns auf das Segment, bei dem sich der Projektansatz nicht lohnt, sondern man erst mit Standardisierung wirtschaftlich arbeiten kann. Das ist unser Spezialgebiet. Im Neubau haben wir auch Projekte mit vier oder fünf Einheiten. Weil das meist KfW 40 oder 40plus Häuser mit Solaranlage und Wärmepumpe sind, lohnt sich das schon früher für uns durch den Stromverbrauch der Pumpe.

Können Sie auch weitere Haustechnik, beispielsweise Ladesäulen, in Ihr Portal integrieren?

Ja, immer mehr dieser neuen KfW 40 Mehrfamilienhäuser werden mit ein bis zwei Ladesäulen ausgestattet. Für so ein Gebäude können wir die gesamte energiewirtschaftliche Abrechnung machen. Das heißt, die Solaranlage produziert Strom, der gegebenenfalls in einer Batterie gespeichert wird. Wir liefern den Strom an die Mieter und versorgen auch die Wärmepumpe und Ladesäule. Über unsere Zählerinfrastruktur und Onlineplattform können wir alles abrechnen, Wärme-, Wasser- und Stromverbrauch. Künftig werden wir auch die einzelnen Ladevorgänge der Mieter an der Ladesäule über unsere App abwickeln. Derzeit sondieren wir Integrationskonzepte mit verschiedenen E-Mobilitätsanbietern.

Wer liefert die Hardware für Ihre Projekte und wer installiert sie?

Unsere PV-Anlagen kaufen wir in der Regel über Installationsfachpartner. Hier haben wir Netzwerke mit denen wir zusammenarbeiten und gute Erfahrungen gemacht haben. Natürlich wächst jetzt der Bedarf. Darum suchen wir auch immer neue Solarfachbetriebe, regional, aber auch überregional. Wichtig ist, dass sich die Partner an unsere festgelegten Prozesse halten, denn wir müssen ja nicht nur die PV-Anlage installieren, sondern auch die Zählerstillegung melden, eine Kundenanlage anmelden etc. Die Meldeprozesse und Abläufe sind hier einfach etwas komplizierter. Bei den Messstellen arbeiten wir mit Discovergy zusammen. Theoretisch können wir aber jeden digitalen Messstellenbetreiber an unsere Plattform anbinden.

Wie viele 100.Solarhäuser haben Sie schon realisiert?

Insgesamt hängen an der Plattform ca. 140 Gebäude mit Mieterstromanlagen. Bislang haben aber nur 15 davon wirklich eine PV-Anlage auf dem Dach. Im ersten Quartal sollen 20 weitere dazukommen, insgesamt wollen wir in diesem Jahr rund 100 Solarhäuser mit PV-Anlagen und Messtechnik realisieren. Bei den übrigen von uns betreuten Gebäuden kommt der Mieterstrom von BHKWs. Insgesamt haben wir eine vierstellige Zahl von Verbrauchern unter Vertrag.

Laufen Ihnen nach den Entwicklungen in Sachen Klimaschutz im letzten Jahr die Leute die Bude ein oder müssen sie selber auf die Immobilieneigentümer zugehen?

2019 hat alles geändert, die Nachfrage ist explodiert. Das liegt ganz offensichtlich an Fridays for Future ebenso wie am Klimaschutzpaket, auch wenn das vielleicht erst einmal regulatorisch wenig ändert. Und die großen börsengelisteten Immobilienunternehmen sehen zunehmend die Wichtigkeit, sich im Bereich Nachhaltigkeit zu positionieren und sich auf die neuen gesetzlichen Forderungen einzustellen. Zumal führende Investoren im Kapitalmarkt wie Blackrock das Thema Nachhaltigkeit zur Priorität erklärt haben. Nichtsdestotrotz dauert es immer ein paar Monate, bis unsere Interessenten von der Anfrage bis zur Entscheidung für unser Angebot kommen.

Betreiben Sie mit Ihren Anlagen auch ein netzdienliches Energiemanagement, in dem Sie den Strom je nach Nachfrage im Netz speichern oder einspeisen?

Aktuell spielt das noch keine Rolle. Wir lassen die Anlagen laufen, schauen uns aber zum Beispiel ganz genau die Betriebsprofile der Wärmepumpen an, um zukünftig in diese Richtung gehen zu können. Zudem haben wir häufig große Pufferspeicher, die wir theoretisch mit überschüssigem Strom aufheizen könnten. Batterien haben wir dagegen bislang selten in den Objekten, außer wenn es in KfW-Häusern erforderlich ist, ansonsten lohnt sich das für uns noch nicht. Aber wir sind an dem Thema auf jeden Fall dran. Ich denke, da wird sich in den nächsten ein, zwei Jahren sehr viel tun. Wir setzen hier auf unsere umfangreiche Datenbasis dank digitaler Stromzähler.

Mieterstrom bieten auch andere Unternehmen an. Was macht Ihr Unternehmen anders?

Das Besondere ist der softwarebasierte Ansatz, vom Gebäudescan über die Steuerung des Installationsprozesses bis hin zum automatisierten Betrieb. Wir sind unseres Wissens die einzigen, die als Anbieter selbst Mieterstrom erzeugen und verteilen und gleichzeitig die Software im Hintergrund entwickeln. Im komplexen Mieterstromgeschäft stellt diese Verbindung von Anwender und Entwickler sicher, dass die Software auch wirklich optimal das ausführt, was man braucht, um die ganzen Prozesse standardisiert hinzukriegen. Dadurch sind wir in der Lage, das Gebäudesegment zu bedienen, in dem die meisten Deutschen leben und arbeiten, nämlich die kleineren Mehrparteienhäuser.

Ihr Unternehmen feiert in diesem Jahr den dritten Geburtstag. Was haben Sie für die nächsten drei Jahre geplant?

Wir haben uns die mutige Ambition gesetzt, das zu werden was man in den USA category leader nennt. Wie bei Tempo oder Pampers wollen wir, dass die Immobilienbranche direkt an uns denkt, wenn es um Stromlösungen vor Ort geht. Das wollen wir in den nächsten ein, zwei Jahren vor allem in Deutschland erreichen. Darüber hinaus werden wir aber auch ganz klar den Markt in anderen europäischen Ländern ganz genau beobachten. Durch das 2018 beschlossene Clean-Energy-Package der EU werden Mieterstromprojekte attraktiver. Spanien und Frankreich haben ihre Gesetzte zum Beispiel schon entsprechend geändert und sind darum extrem spannende Märkte für uns.

Das Interview führte Simone Pabst

 

Weitere Informationen: Einhundert Energie

 

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