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Experteninterview

Welche Vorteile bieten Virtuelle Kraftwerke?

Jochen Schwill, Geschäftsführer und Gründer von Next Kraftwerke

Jochen Schwill: "Durch die Bereitstellung von Flexibilität sorgen wir für mehr Effizienz im System". Sieben Fragen zu virtuellen Kraftwerken an Jochen Schwill, Geschäftsführer und Gründer von Next Kraftwerke.


Herr Schwill, was verstehen Sie unter einem virtuellen Kraftwerk und welche Vorteile bietet es?

Wir schalten kleine und mittelgroße Energiekonsumenten, Energieproduzenten und Energiespeicher in unserem Next Pool digital zusammen und aggregieren so deren Leistung. Stromproduzenten sind beispielsweise Biogas-, Kraft-Wärme-Kopplungs-, Photovoltaik-, Wasserkraft- oder Windkraftanlagen. Wir nutzen die aggregierte Leistung, um Regelenergie an die Übertragungsnetzbetreiber zu liefern, also um das Netz zu stabilisieren. Wir vermarkten darüber hinaus die reguläre Stromproduktion der Anlagen im Rahmen der Direktvermarktung an der Strombörse. Und wir optimieren die Produktion der Anlagen, indem wir sie entlang der Preissignale der Börse steuern. Die Idee dahinter: Strom produzieren, wenn die Preise hoch sind, weil es wenig Angebot gibt beziehungsweise Strom konsumieren, wenn die Preise niedrig sind, weil das Angebot hoch ist. So balancieren wir Schwankungen aus, die durch die volatile Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien entstehen und optimieren die Gewinne unserer Kunden, weil sie durch die optimierte Fahrweise zusätzliche Einnahmen erhalten. Das macht Erneuerbare Energien wirtschaftlicher, was ihren Ausbau fördert und so die Energiewende vorantreibt. Durch die Bereitstellung von Flexibilität sorgen wir außerdem für mehr Effizienz. Davon profitiert das System als Ganzes.

 

In welchen Ländern außer Deutschland ist Next Kraftwerke aktiv und inwiefern unterscheiden sich die Rahmenbedingungen?

Wir sind aktiv in Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen, Österreich und der Schweiz. Für uns ist es wichtig, dass die Rahmenbedingen ein Pooling von Anlagen zulassen und der Markt insofern liberalisiert ist, dass wir als Aggregator daran teilnehmen können.

 

Wer sind Ihre Kunden?

Das ist ganz unterschiedlich: Betreiber von Biogasanlagen, deren Anlagen wir entlang der Börsenpreise steuern, Projektierer von PV-Anlagen oder Stadtwerke, für die wir zum Beispiel das Portfoliomanagement übernehmen. In den Niederlanden bieten wir Regelenergie aus Lampen in Gewächshäusern an. Wir kooperieren mit dem Deich- und Hauptsielverband Dithmarschen, indem wir den Stromverbrauch der Pumpen entlang der Börsenpreise optimieren. Wir stellen unsere Plattform NEMOCS anderen Energieunternehmen zur Verfügung, damit sie ihr eigenes virtuelles Kraftwerk aufbauen können.

 

Handelt es sich bei der Zusammenschaltung verschiedener Erzeugungsanlagen vor allem um eine Vermarktungsstrategie für grünen Strom?

Unser Pool besteht fast zu 100 Prozent aus Erneuerbare Energieanlagen. Wir haben uns darauf spezialisiert, „grüne“ Flexibilität für das System bereitzustellen. Es ist erstaunlich, wie viel Flexibilität aus Erneuerbaren Energien kommen kann, wenn man die bestehenden Potenziale ausschöpft.

 

Wodurch unterscheiden sich die Beteiligungsoptionen für Blockheizkraftwerke, Biogas-, Photovoltaik- oder Windkraftanlagen?

Die Optionen unterscheiden sich entlang des Grades an Flexibilität, den die jeweilige Anlage bietet und natürlich entlang regulatorischer Rahmenbedingungen. Zum Beispiel dürfen Solaranlagen gar keine Regelenergie anbieten.

 

Wie sieht diese Vernetzung praktisch aus beziehungsweise unter welchen Maßgaben werden die Erzeugungsanlagen gemeinsam gesteuert?

Um die vielen kleinen und mittelgroßen Anlagen zu vernetzen, haben wir unsere Next Box entwickelt. Das ist eine Fernsteuereinheit, die die Anlagen im Next Pool mit unserem Leitsystem verbindet. Dazu sendet sie über eine speziell abgesicherte GPRS-Verbindung verschlüsselt die Daten der Anlagen an unser Leitsystem. Für eine höchstmögliche Sicherheit ist die Next Box nach den Transmission Codes der Übertragungsnetzbetreiber aufgebaut. Als Machine-to-Machine-Komponente sendet die Next Box Informationen über die Fahrweise der dezentralen Anlagen an das Leitsystem. Aber auch in die andere Richtung werden Daten übermittelt: Zum Beispiel kann die Next Box das Hoch- und Runterfahren von Anlagen zur Erzeugung von Strom steuern. Das Signal dazu erhält sie vom Algorithmus unseres zentralen Leitsystems. Je nachdem welcher Anlagentyp mit ihr gesteuert werden soll, werden Next Box und Algorithmus individuell parametrisiert: So werden Gas-, Wärme- oder Wasserspeicher sowie eventuelle Fahrplanrestriktionen gespeichert, damit die Einheit immer unter technologisch und wirtschaftlich optimalen Betriebsbedingungen laufen kann.

 

Welche Rolle spielen Speicher für virtuelle Kraftwerke und welche Arten setzt Next Kraftwerke ein?

Speicher werden eine immer größere Rolle spielen. Derzeit sind sie aber noch so teuer, dass es einfach noch nicht viele am Markt gibt. Virtuelle Kraftwerke bieten Möglichkeiten, den Strom aus Batterien an verschiedenen Märkten zu vermarkten, um Mehrerlöse zu erzielen, die dann wieder in die Finanzierung fließen können. Es sind zwar noch nicht viele, aber auch wir haben Batterien im Pool. Hier zwei Beispiele: Next Kraftwerke und Jedlix, ein Aggregator für Elektrofahrzeuge und Betreiber einer Plattform für intelligente Ladekonzepte, führen gemeinsam ein Pilotprojekt durch, in dessen Verlauf wir Sekundärreserve von Batterien aus E-Fahrzeugen bereitstellen. Die Zusammenarbeit findet im Rahmen eines von TenneT ausgeschriebenen Pilotprojekts statt. Der Übertragungsnetzbetreiber erprobt dabei die technische Machbarkeit von Sekundärreserve aus neuen Technologien.

Außerdem haben wir mit einigen Partnern das Projekt FRESH – kurz für: Flexibilitätsmanagement und Regelenergiebereitstellung von Schwerlastfahrzeugen im Hafen – gestartet. Am Container Terminal Altenwerder der Hamburger Hafen und Logistik AG sind vollständig automatisierte fahrerlose Transportfahrzeuge im Einsatz, um Container zwischen den Kaikranen und den Blocklagern zu transportieren. Die Flotte von rund 100 dieser Schwerlaster wird derzeit vollständig auf Fahrzeuge mit Lithium-Ionen-Batterieantrieb umgestellt. Fahrzeuge, die nachgeladen werden müssen oder sich in einer Warteposition befinden, sollen künftig für die Regelleistungsbereitstellung zur Verfügung stehen. Zunächst liegt der Fokus auf der Bereitstellung von Primärregelleistung. Next Kraftwerke entwickelt im Rahmen des Projekts das Konzept für die Flottenpräqualifikation sowie das im Rahmen der Regelleistungsvorhaltung notwendige Lademanagement und vermarktet die Regelenergie.

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