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Experteninterview

Flexibilisierung der Energieversorgung

Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne)

Robert Busch: "Noch immer fehlt der Masterplan zur Energiewende". Sieben Fragen zur Flexibilisierung der Energieversorgung an Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne).


Herr Busch, Energiesammelgesetz, Messstellenbetriebsgesetz, Niederspannungsanschlussverordnung – Sie müssen sich aktuell mit vielen neuen Gesetzes- und Verordnungsentwürfen beschäftigen. Damit sich der Energiemarkt hin zu erneuerbaren Energien, dezentraler Versorgung und Digitalisierung ändern kann, braucht es den entsprechenden Rechtsrahmen. Bewegt sich Deutschland bei der Energiewende Ihrer Meinung nach in der richtigen Spur?

Die Energiewende und der damit einhergehende Transformationsprozess zu einer treibhausgasneutralen Industrienation brauchen klar formulierte Ziele und ein konsistentes Maßnahmenpaket. Doch noch immer fehlt der Masterplan zur Energiewende. Bislang bleiben alle Ansätze für eine Wärme- und Verkehrswende Stückwerk. Auch im Stromsektor existiert kein überzeugendes Gesamtkonzept, das die einzelnen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt und die Voraussetzung schafft, damit die Dekarbonisierung im Strom-, Wärme- und Verkehrssektor übergreifend erfolgen kann. Die einzelnen Normen bleiben unkoordiniert, adressieren eher Teilprobleme, kommen zu spät und werden zudem schlecht umgesetzt. Wichtige und in der Politik durchaus auch erkannte Aufgaben wie die Reform der Netzentgelte und Umlagen sowie ein CO2-Preis blieben liegen. Es fehlt ein First things first-Ansatz.

 

Wo sehen Sie derzeit die größte Baustelle?

Um die Energiewende zum Erfolg zu führen, benötigen wir eine Reform des Abgaben- und Umlagensystems beim Strompreis, einen nationalen CO2-Preis und eine Öffnung des Messstellenbetriebsgesetzes für Innovationen. Weiterhin ist es notwendig, erneuerbare Energien zunehmend marktorientierter auszubauen und neue Vermarktungskonzepte zu fördern. Die Netzentgelte müssen so reformiert werden, dass die Kosten verursachergerecht und unter angemessener Berücksichtigung der Netzdienlichkeit verteilt werden und bei Stromverbrauchern unter Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit zudem mehr Flexibilität ermöglichen. Ziel muss es sein, die Sektoren Wärme, Mobilität und Strom in Verbindung mit Speichertechnologien zu koppeln.

 

Sie bezeichnen eine Reform des Abgaben- und Umlagensystems beim Strompreis als zentralen Baustein einer neuen Energiewirtschaft. Was schlagen Sie vor?

Rund drei Viertel des Verbraucherstrompreises sind staatlich veranlasste oder regulierte Preisbestandteile. Die hohe Belastung mit Abgaben, Steuern und Umlagen benachteiligt Strom im Wettbewerb gegenüber Energieträgern. Zugleich hemmt die bestehende Netzentgeltsystematik die Nutzung von Flexibilität im Strommarkt. Bei der notwendigen Reform der Netzentgeltstruktur weisen Überlegungen wie die Ablösung der Arbeits- und Leistungspreise durch ein Netzanschlussentgelt ebenso wie die Möglichkeit eines Infrastrukturbeitrags der Liegenschaft in die richtige Richtung. Mit klug gesetzten Rahmenbedingungen lassen sich Verwerfungen für einzelne Verbrauchsgruppen und Brüche für die Netzbetreiber vermeiden. Dazu muss auch ein sozialpolitisch überzeugendes Konzept einer fairen Kostenverteilung vorgelegt werden.

Ebenso sind Lösungen für die EEG-Umlage zu entwickeln. Durch eine Umverteilung der EEG-Kosten unter Einbezug der Sektoren Wärme und Verkehr kann die EEG-Umlage auf sauberen Strom gesenkt werden. Die Wettbewerbsverzerrung zugunsten der fossilen Energien muss beendet werden. Eine Belastung der Energieträger entsprechend ihrer CO2-Emissionen lenkt Investitionen und Nutzung hin zu sauberen Energieversorgungslösungen.

 

Sieht es auf europäischer Ebene besser aus?

Das europäische Gesetzespaket „Saubere Energie für alle Europäer“ wird das EU-Energierecht für den Zeitraum 2021 bis 2030 maßgeblich prägen. Im Vergleich zum geltenden EU-Rechtsrahmen steckt in den nun umzusetzende Regeln einiges dezidiert Neues und Innovatives. So enthält beispielsweise die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie neue Ansätze für die Vermarktung von Strom aus erneuerbaren Energien. Daneben wird die Bedeutung neuer Vermarktungskonzepte und neuer Akteure im Strommarkt deutlich aufgewertet. Das Gesetzespaket enthält vor allem Richtlinien, die nicht sofort im Nationalstaat gelten, sondern erst noch von jedem einzelnen Mitgliedsstaat in nationales Recht umgesetzt werden müssen. Es wird sich also spätestens ab 2021 zeigen, ob der Gesetzgeber den Schwung aus Brüssel mitnimmt oder eine eher gemächlichere Gangart einschlägt.

Weiterhin ist es für die Neue Energiewirtschaft essentiell, auf Brüsseler Ebene den Entscheidungsprozess zur e-Privacy-Verordnung genau zu begleiten. Die geplante Verordnung könnte viele neue und datenbasierte Geschäftsmodelle auf dem Energiemarkt unmöglich machen. Für die ersten Monate des Jahres 2019 gilt es also, die benötigten Änderungen in der allgemeinen Ausrichtung des Rates zu platzieren, um dann in den nachfolgenden Trilogverhandlungen vernünftige Lösungen als Verhandlungsergebnis zu erhalten, die dem Datenschutz Rechnung tragen, gleichzeitig aber nicht zur Verhinderung der Energiewende führen.

Im Oktober 2018 hat die Europäische Kommission ihre Strategie für die langfristige Verringerung der Treibhausgasemissionen der Europäischen Union vorgestellt. Demnach soll sie bis zum Jahr 2050 in der Bilanz keine Treibhausgase mehr ausstoßen, um das Pariser Klimaschutzabkommen zu erfüllen. In diesem Jahr steht daher die öffentliche Debatte der Kommissionsvorschläge an, um dann bis Anfang des Jahres 2020 eine entsprechende Strategie zu verabschieden und diese gemäß dem Übereinkommen von Paris dem Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) zu übermitteln.

 

Erneuerbare Energien werden dezentral erzeugt. Das bedingt neben Speicherung, Handel und Erzeugungsmanagement eine Flexibilisierung der Nachfrage. Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Stand?

Um das Problem der fehlenden Flexibilität im Verteilnetz zu lösen, hakt es momentan an zwei entscheidenden Stellen: Zum einen an der Bundesregierung, die endlich eine Verordnung nach §14a des Energiewirtschaftsgesetzes verabschieden muss, und zum anderen an dem immer mehr verspäteten und technisch überholten Smart Meter Rollout. Erst wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, sind Verteilnetzbetreiber fitter für die Energiewende.

Viele erneuerbare Energieanlagen werden zunehmend an die unteren Spannungsebenen angeschlossen. Das heißt insbesondere Verteilnetze sind mit wetterbedingt schwankenden erneuerbaren Energien und damit einer vermehrten gleichzeitigen Einspeisung von großen Strommengen konfrontiert. Zusätzlich wird ein Zuwachs an steuerbaren leistungsstarken Verbrauchern wie Speichern, Power-to-Heat-Anlagen und Elektroautos erwartet. Damit nimmt der gleichzeitige Stromverbrauch zu. Wenn etwa nach Feierabend sämtliche Bewohner einer Straße ihr Elektroauto laden wollen oder bei kalten Temperaturen ihre Wärmepumpe einschalten, kann das zum Problem für die Netze werden. Verteilnetze müssen also mit der Energiewende gegebenenfalls andere Strommengen gleichzeitig bewältigen als in der konventionellen Energiewirtschaft. Dazu sind sie bisher größtenteils nicht ausgelegt. Es muss ein wettbewerblicher und technologieoffener Flexibilitätsaufbau erfolgen, um die Netze, die zukünftig mehr Verbindungs- als Verteilungsaufgaben übernehmen, ohne sie zu überlasten optimal zu nutzen.

 

Wie könnte beispielsweise die Elektromobilität von einer solchen Flexibilisierung profitieren?

Ein großes Flexibilitätspotential bieten steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen oder Wallboxen zum Laden von Elektroautos – also genau die Verbraucher, die auch zu erhöhten Gleichzeitigkeiten im Verteilnetz führen können. Wenn allerdings das Elektroauto über Nacht von 18 bis sieben Uhr an der Wallbox steckt, kann das Laden ohne Komfortverlust für den Kunden netzdienlich in diesem Zeitraum verschoben werden. Anstatt um genau 18 Uhr bei hoher Netzauslastung zu laden, wird der Ladestrom gegebenenfalls erst um zwei Uhr morgens bezogen. Die Batterie des E-Autos ist um sieben Uhr trotzdem komplett geladen. Damit wäre für den Kunden kein Unterschied zu spüren, aber die Belastung für das Netz minimiert worden. Eine weitere Möglichkeit ist es, an die Ladestellen grundsätzlich einen Speicher als Flexibilitätspuffer zu installieren. Mit 1,4 Millionen steuerbaren Verbrauchseinrichtungen ließe sich eine erhebliche Flexibilität im Verteilnetz umsetzen.

 

Der bne gehört zu den Erstunterzeichnern des Manifests zu Elektromobilität und Erneuerbare Energien. Warum?

Die Energiewende spielt sich bisher vor allem im Sektor Strom ab. Wir brauchen aber zusätzlich eine Verkehrswende, die Elektromobilität nicht nur mit Strom, sondern mit erneuerbaren Energien verknüpft. Leider fehlt bisher das konsequente Handeln der Politik. Das Manifest zeigt, dass die Branche Lösungsvorschläge erarbeitet hat. Die bne-Mitglieder sind froh, Teil eines starken Bündnisses zu sein, das mit dem Manifest einen Vorschlag unterbreitet, wie Politik, Wirtschaft und Bürgerschaft gemeinsam die Verkehrswende voranbringen können. Für diese braucht es klare Rahmenbedingungen, damit sich der Ausbau von Elektromobilität, Ladeinfrastruktur sowie der erneuerbaren Energien schneller und umfassender als bisher vollzieht.
 

Smart Renewable Systems Conference