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Experteninterview

Digitalisierung der Energiewirtschaft

Bruce Douglas, stellvertretender CEO und Chief Operating Officer von SolarPower Europe

Bruce Douglas: "Digitale Technologien sind eine große Chance für die Solarenergie". Sieben Fragen zur Digitalisierung der Energiewirtschaft an Bruce Douglas, stellvertretender CEO und Chief Operating Officer von SolarPower Europe.
 

Herr Douglas, die Energiewelt von morgen ist digital. Was ist der bedeutendste Unterschied zum vorherigen Energiesystem?

Neue digitale Technologien überwinden traditionelle Grenzen im Energiesektor und öffnen somit die Tür zu einer ganz neuen Ära von Flexibilität. Gleichzeitig sind wir dabei, unser Energiesystem nachhaltiger zu machen und dessen Anteil an erneuerbaren Energien zu erhöhen. Elektrizität wird in Zukunft vermehrt in Sektoren wie Transport, Heizung und Kühlung eingesetzt. Das verlangt nach einem flexibleren Energiesystem und Veränderungen in der Konstruktion und im Betrieb unserer Elektrizitätsnetze. Die Digitalisierung kann dafür innovative Lösungen bieten. Der wichtigste Unterschied zum heutigen System ist wahrscheinlich die Sichtbarkeit dessen, was wann im Stromnetz passiert. Früher wurde das Stromnetz weitestgehend „blind“ betrieben. In Zukunft wird es im ganzen Netzwerk miteinander verknüpfte digitale Sensoren geben, die konstant Zustandsdaten liefern, was ein effizienteres Netzmanagement und eine bessere Einbindung von erneuerbaren Energien erlaubt.

 

Wird die Digitalisierung eine große Rolle für die Zukunft der erneuerbaren Energien spielen?

Die Digitalisierung wird eine absolut zentrale Rolle für die Solarenergie und andere erneuerbare Energien spielen – das tut sie heute schon. Digitale Technologien sind eine große Chance für die Solarenergie – nicht zuletzt, um mehr PV-Anlagen ins Netz zu integrieren, was wiederum systemweite Vorteile und mehr Erträge für Solaranlagen bedeutet. Analysten der Global e-Sustainability Initiative schätzen, dass digitale Netze bis 2030 bis zu 810 Mrd. € zusätzliche Erträge für erneuerbare Energien einbringen könnten.

 

Wie sehen digitale Lösungen für Photovoltaikanlagen in der Energiewelt von morgen aus?

Das Aufkommen neuer Technologien wie Big-Data-Analysen, dem Internet der Dinge und Blockchain lässt ganz neue solare Geschäftsmodelle entstehen und bestehende Modelle noch lukrativer werden. Ein Beispiel sind Smart-Home-Anwendungen: Elektrische Heizung und Kühlung durch intelligente Thermostate, intelligente Ladung von Elektrofahrzeugen und nicht zuletzt Batteriespeicher. All diese Technologien bilden das Smart-Building-Paket, in dem Solar eine wesentliche Rolle spielt. Andere Geschäftsmodelle sind zum Beispiel “Solar as a Service”, intelligenter gemeinschaftlicher Eigenverbrauch, netzgekoppelte Mikrogrids und Peer-to-Peer-Austausch von PV-Strom.

 

Was sind die Vorteile?

Digitalisierung kann entlang der gesamten solaren Wertschöpfungskette Kosten senken, sei es für Großanlagen oder für die private PV-Anlage auf dem eigenen Dach. Und Solarenergie zu geringeren Preisen bedeutet mehr Solarenergie. Durch satellitengestützte Kartierung und Remote Design Software kann man zum Beispiel bei der Kundengewinnung und der Auslegung von Solardächern Zeit und Kosten erheblich senken.

 

Erneuerbare Energien erfordern Flexibilität – auch in der Preisgestaltung?

Ein flexibleres Stromerzeugungssystem ist in der Tat essentiell für einen immer höheren Anteil an erneuerbaren Energien, und die Digitalisierung ist ein wichtiger Katalysator für Flexibilität in Bedarf und Versorgung. Ebenfalls essentiell ist die Bewegung hin zu Nutzungsdauer und dynamischer Preisgestaltung mit dem Ziel, Verbrauchern einen Anreiz zu geben, den Verbrauch auf Grundlage der Preisstruktur anzupassen.

 

Welche Bedeutung schreiben Sie der Blockchain-Technologie für die PV-Industrie zu?

Die Blockchain-Technologie ist ein bahnbrechendes Phänomen, das auch in der Solarindustrie angewandt werden kann. Wir sind sehr optimistisch, was die potentielle Anwendung in unserer Branche betrifft. Sowohl Blockchain als auch PV sind verteilte Technologien und passen daher hervorragend zusammen. Die Blockchain-Technologie hat sehr großes Potenzial und kann auf viele verschiedene Arten in der PV-Branche eingesetzt werden, unter anderem im Ausgleich von Angebot und Nachfrage im Stromnetz sowie in netzunabhängigen solaren Mikrogrids, Peer-to-Peer-Energiehandel, neuen Kryptowährungen und intelligenten Verträgen. Innovationen in der Blockchain-Technologie sind sehr wichtig für die weitere Entwicklung von dezentralem und verteiltem Solarstrom – insbesondere Innovationen, die den hohen Energieverbrauch einiger Blockchains angehen. Die Kryptowährung SolarCoin wird etwa genutzt, um die Produktion von Solarenergie durch Verringerung der Amortisationszeit von Solaranlagen zu fördern.

 

Was sind Ihre wichtigsten Forderungen an die Politik, um hierfür angemessene Rahmenbedingungen schaffen zu können?

Wir fordern, dass die Entscheidungsträger den Ausbau von Smart Grids beschleunigen, Förderbeträge für Netzbetreiber anheben, und dass die Geschwindigkeit und Genauigkeit, die Solarenergie für netzunterstützende Dienste liefert, belohnt wird. Dies würde einerseits die Chancen um ein Vielfaches erhöhen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, und andererseits den kosteneffizienten Ausbau von Solarenergie und anderen erneuerbaren Energien in Europa verstärken. Eine unserer Kernbotschaften an die Entscheidungsträger ist: Ausbau der Digitalisierung, um die Energierevolution bestmöglich zu nutzen. Die Digitalisierung wird Europas industrielle Führungsposition in der intelligenten Nutzung erneuerbarer Energien stärken, da sie die Energiewende kosteneffizienter und verbraucherorientierter macht.

 

Die Digitalisation & Solar Task Force von SolarPower Europe’s hat ihre politischen Forderungen zu Solarenergie und Digitalisierung (“Regulatory asks on solar and digitalisation”) veröffentlicht, in denen die auf nationaler und EU-Ebene erforderlichen politischen Änderungen zur Förderung der Digitalisierung des Energiesektors dargelegt werden. Das Positionspapier finden Sie zum hier zum Download.