Experteninterview

Wie reagieren die Energieversorger auf den Energiewandel?

Dr. Martin Ammon, Leiter Energiewirtschaft der EuPD Research Sustainable Management GmbH.

Dr. Martin Ammon: "Engagement ist eine Frage des Wollens". Sieben Fragen darüber, wie Energieversorger auf die Energiewende reagieren, an Dr. Martin Ammon, Leiter Energiewirtschaft der EuPD Research Sustainable Management GmbH.
 

Herr Ammon, mit dem Energiewende AWARD zeichnet EuPD in diesem Jahr zum dritten Mal – gemeinsam mit dem Deutschen CleanTech Institut (DCTI) und The smarter E Europe – Deutschlands nachhaltigste Energieversorger aus. Nach welchen Kriterien bewerten Sie die Unternehmen?

Dem Energiewende AWARD liegt ein eigens entwickeltes ganzheitliches Qualitätsmodell zugrunde. Generell stehen Energieversorger auf drei Ebenen im Austausch mit ihren Kunden, das heißt sie bieten Dienstleistungen und Produkte an und stellen Informationen zur Verfügung. Das Qualitätsmodell enthält in den vier Bereichen der Energiewende – Energieeffizienz, Mobilität, Strom, Wärme – entsprechend Informationen, Dienstleistungen und Produkte, die Kunden im Kontext der Energiewende nachfragen. Insgesamt umfasst das Qualitätsmodell etwa 50 Kriterien – vom Angebot an Ökostrom bis hin zu Thermographieuntersuchungen für Wohngebäude. In der Bewertung wird überprüft, ob sie der Versorger anbietet.

 

Was zeichnet ein nachhaltiges Energieversorgungsunternehmen aus Ihrer Sicht aus?

Zunächst hat sich gezeigt, dass das Engagement von Energieversorgern prinzipiell keine Frage der Unternehmensgröße ist. Es ist vielmehr eine Frage des Wollens. Sie müssen bereit sein, sich offen den Herausforderungen der Energiewende zu stellen und dies auch in ihren Strukturen umsetzen. Die Veränderungen der Energiewende müssen sich in Dienstleistungen und Produkten widerspiegeln, die vom Energieversorger auch gelebt werden. Nachhaltigkeit besitzt immer die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales. Folglich ist ein Energieversorger als nachhaltig anzusehen, wenn er es schafft, neue Dienstleistungen und Produkte in neu geschaffenen Unternehmensbereichen zu integrieren und damit mittelfristig wirtschaftlich zu agieren.

 

Inwiefern haben sich die Anforderungen bezüglich der Kundenbeziehung für Energieversorger in den vergangenen Jahren geändert?

In Energiefragen besitzen Energieversorger aus Kundensicht eine historische Kompetenz, sodass die Erwartung besteht, auch in der neuen Energiewelt entsprechend informiert und bedient zu werden. Wie in allen anderen Lebensbereichen hat sich die Kundenbeziehung im Energiebereich in die Online-Welt verschoben. Gleichzeitig erlauben Vergleichsportale maximale Transparenz bei Energiepreisen und erleichtern den Anbieterwechsel. Während der Energieversorger früher das unangefochtene Monopol besaß, werden heute nicht nur Strom und Gas von immer mehr Wettbewerbern angeboten. So werden insbesondere die Dienstleistungen und Produkte der Energiewende von einer Vielzahl neuer Konkurrenten an die Kunden herangetragen.

 

Wie sehen typische Dienstleistungs- und Produktangebote aus, mit denen Energieversorger auf die Veränderung reagieren?

Als typisches Angebot lassen sich Produkte anführen, die mit dem geringsten strukturellen Aufwand einhergehen. Ausgehend vom zumeist bereits bestehenden Angebot an Ökostrom stellen wir einen inflationären Anstieg an Stromtarifen fest. Es werden spezifische Stromtarife für Elektroheizungen, Wärmepumpen oder auch zum Laden von Elektromobilen angeboten. Daneben konnten wir in den vergangenen Jahren bei einer Vielzahl von Energieversorgern die Einführung von Onlineshops für Energieeffizienzprodukte feststellen. Diese White Label Shops werden aber von Drittanbietern betrieben. Sie suggerieren dem Kunden ein Produktangebot, welches letztlich beim Versorger selbst nicht vorliegt.

 

Erkennen Sie Unterschiede bei der Herangehensweise der Energieversorger, wenn es um zukunftsträchtige Angebote für die Strom- oder Wärmeversorgung beziehungsweise für eine nachhaltige Mobilität geht?

In der Auswertung unserer jährlichen Untersuchung für den Energiewende AWARD unterscheiden wir drei Typen von Energieversorgern: die Traditionellen, die Umsetzer und die Vorreiter. Die Traditionellen konzentrieren sich auf konventionelle Energiequellen. Ihnen fehlt noch der Bezug zur Energiewende. Folglich offerieren sie kaum Produkte aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Die Umsetzer dagegen haben die Nachfrage nach regenerativen Energiequellen erkannt und ihre Unternehmensstruktur dementsprechend angepasst. Sie konzentrieren sich bei der Produkterweiterung eher auf die geläufigen und leicht umsetzbaren Dienstleistungen und Produkte. Die Vorreiter demgegenüber sind eher risikoaffin und suchen aktiv nach neuen Geschäftsmodellen. Ihr Produktportfolio weist neben den geläufigen Produkten innovative Angebote wie Stromprodukte mit Sparbonus oder Mikro-Blockheizkraftwerke auf.

 

Welche neuen Geschäftsmodelle sehen Sie künftig als besonders erfolgversprechend an?

Wesentlich für den zukünftigen Erfolg neuer Geschäftsmodelle ist die Integration der Technologien der Energiewende in die Wertschöpfung der Energieversorger. Der Bedarf an erneuerbaren Energien und Effizienztechnologien ist einerseits zu bedienen, andererseits soll die steigende Selbstversorgung der Kunden nicht zu sinkenden Einnahmen führen. Contractingmodelle bieten den richtigen Ansatz, den Bedarf des Kunden nach neuen Technologien zu befriedigen und gleichzeitig eine langfristige Kundenbindung zu etablieren. Darüber hinaus eröffnet die Elektromobilität ein großes Potenzial, um einen neuen Absatz für Strom zu erschließen. Die Geschäftsmodelle gehen deutlich über die reine Stromlieferung hinaus und umfassen die Installation und den Betrieb der Ladeinfrastruktur.

 

Inwieweit sehen Sie die neuen Geschäftsmodelle bereits realisiert?

Contractingmodelle werden von einer Vielzahl von Energieversorgern im Heizungssegment bereits angeboten. Die Übertragung dieser Modelle auf Technologien zur Stromerzeugung oder auf den Betrieb von Ladestationen gehört bei einigen Energieversorgern schon heute zum Angebotsportfolio. Bei der Erschließung des Potenzials der Elektromobilität stehen die Energieversorger jedoch noch am Beginn.