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Experteninterview

Jeder verursacht Emissionen

Herr Endres, Fokus Zukunft versteht sich als Nachhaltigkeitsberater für mittelständische Unternehmen. Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?

Das ist eine Frage, die uns sehr oft gestellt wird. Wir wollen Menschen und Unternehmen jeder Größe motivieren, sich freiwillig im Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren. Dass wir in Sachen Klimaschutz nicht so weitermachen können wie bisher, machen weltweit jeden Freitag hunderttausende streikende Schülerinnen und Schüler zu Recht lautstark deutlich. Um den Begriff Nachhaltigkeit einfach und anschaulich darzustellen, weisen wir gerne auf das Zitat von Hans Carl von Carlowitz hin, zu seiner Zeit Oberberghauptmann aus dem Erzgebirge: „Holt nur so viel Holz aus dem Wald, wie nachwächst.“

 

Interessieren sich eher kleine, mittlere oder große Firmen für das Thema beziehungsweise bestimmte Branchen?

Jeder, der einen Lichtschalter betätigt, eine Dienstreise antritt oder einfach nur in seine Arbeitsstätte fährt verursacht Emissionen. Demnach ist das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz für alle Branchen relevant. Die Größe eines Unternehmens spielt nur nebensächlich eine Rolle. Wir merken, dass sich die Bereitschaft, das Thema nicht nur aus Marketingsicht, sondern aus der eigenen Motivation heraus anzupacken, über alle Branchen hinweg in den vergangenen zwölf Monate sehr stark verändert hat.

 

Was muss ein Unternehmen tun, wenn es klimaneutral werden will?

Als Beratungsgesellschaft für Nachhaltigkeit bieten wir nach dem Verfahren des Strategischen Dreiklangs aus dem Kyoto-Protokoll die Möglichkeit, CO2-Emissionen zu erfassen. Wir zeigen Minderungspotenziale auf und helfen im Anschluss durch internationale Klimaschutzprojekte der UN, die nicht vermeidbaren Emissionen auszugleichen und damit als klimaneutrales Unternehmen die Nachhaltigkeitsziele auf nationaler sowie internationaler Ebene zu unterstützen.

 

Wie können mittelständische Unternehmen am schnellsten und wie am nachhaltigsten CO2-neutral werden?

Um eine freiwillige Klimaneutralität zu erreichen, müssen Unternehmen zunächst ihren CO2-Fußabdruck berechnen lassen. Alle CO2-Emissionen des Betriebs und des Sortiments werden auf Grundlage des Greenhouse Gas Protocol erfasst und in einer Emissionsbilanz zusammengefasst. Für mögliche Einsparungen werden dann zuerst konkrete Maßnahmen zur CO2-Reduktion diskutiert und wenn möglich direkt vor Ort eingeleitet und umgesetzt. Mit der Förderung von Klimaschutzprojekten in Entwicklungs- und Schwellenländern kann dann die Summe der restlichen, unvermeidbaren CO2-Emissionen ausgeglichen werden. Die komplette CO2-Neutralität lässt sich zum Beispiel dann durch den Kauf von Klimaschutzzertifikaten erreichen. Während ein Unternehmen Klimaneutralität über Bilanzierung und Ausgleichsmaßnahmen relativ schnell erreichen kann, ist sein Weg in die „echte“ Emissionsfreiheit wesentlich länger und aufwändiger, denn es muss tatsächlich darauf achten, erst gar keine Emissionen entstehen zu lassen.

 

Was haben die Unternehmen davon?

Die freiwillige Klimaneutralität dient als erster sinnvoller Schritt für die Entwicklung einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie. Klimaneutrale Unternehmen treiben so den Ausbau von regenerativen Energieprojekten in Schwellen- und Entwicklungsländern an, fördern gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern und dienen somit auch der Bekämpfung von Flüchtlingsursachen. Außerdem bietet es den Unternehmen die Möglichkeit, sich innovativ und marktorientiert aufzustellen.

 

Gibt es bestimmte Maßnahmen, die sich für bestimmte Unternehmen am besten eignen?

Wir von Fokus Zukunft empfehlen eine eigene, individuell auf das Unternehmen abgestimmte Nachhaltigkeitsstrategie, in der wir Lösungen gemeinsam mit dem Unternehmen entwickeln. Egal, ob es um Klimaneutralität geht, einen Nachhaltigkeitsbericht, die Science Based Target-Strategie, einen ganzheitlichen Ansatz über die Entwicklung einer individuellen Roadmap oder die Ausbildung von Energie Scouts in Unternehmen. Ein persönliches Gespräch über die unternehmenseigenen Vorstellungen erweist sich in den meisten Fällen als am sinnvollsten.

 

Es bieten sich auf der einen Seite Einsparungen im Betrieb und auf der anderen Seite Kompensationen an. Für welchen Weg entscheiden sich die Unternehmen?

In der Regel ist die „Einstiegsdroge“ die freiwillige Klimaneutralität. Sobald sich die Unternehmer dazu bereit erklärt haben, die Augen zu öffnen und einen Status Quo der eigenen Treibhausgasemissionen zu erstellen, ergeben sich oft klare Maßnahmen, wie zum Beispiel der Bezug von echtem Ökostrom, das papierlose Büro oder die Umstellung von Verpackung und Logistik, sowie Umstellung der gesamten Energieversorgung auf erneuerbare Energien.

 

Für wie sinnvoll halten Sie es bezüglich des Klimaschutzes, beispielsweise Heizöl durch Kompensationen sozusagen reinzuwaschen? Das Heizöl wird ja dennoch verbrannt.

Der Bezug von „klimaneutralem Heizöl“ ist kurzfristig eine Alternative. In diesem Fall verlagern Sie aktuell noch die Verantwortung auf die Vorlieferkette. Der echte Umstieg auf regenerative Energie ist von essentieller Bedeutung, jedoch können wir nicht alle Heizungen, die mit Heizöl betrieben werden, innerhalb kurzer Zeit aus den Heizungskellern verbannen. Dabei handelt es sich um einen Prozess, der noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Somit ist es eine Frage der Verantwortung, wenn die durch Heizöl entstandenen Emissionen bis dahin durch internationale Klimaschutzprojekte ausgeglichen werden.

 

An welchem Punkt würden Sie die Grenze zwischen wirksamer Klimaschutzmaßnahme und Ablasshandel ziehen?

Um ehrlich zu sein, glaube ich, wird sich eher die CO2-Steuer als klassischer Ablasshandel herausstellen. Voraussichtlich werden durch sieben Cent Spritpreiserhöhung nicht weniger Fahrzeuge auf den Straßen fahren. Zudem wissen wir nicht genau, wie die Einnahmen der CO2-Steuer eingesetzt werden. Bei der freiwilligen Klimaneutralität entscheidet das Unternehmen selbst, für welche Projekte das Geld eingesetzt wird.