KONTAKT

Die Industrie erkennt die Bedeutung der Klimaneutralität

Herr Professor Sauer, ein Drittel der deutschen Unternehmen hat begonnen, Maßnahmen zur Klimaneutralität umzusetzen. Wie bewerten Sie das Ergebnis des aktuellen Energieeffizienz-Index EEI?

Tatsächlich ist es gemäß unserer regelmäßigen Erhebung weit mehr als ein Drittel der Unternehmen, das bereits Maßnahmen zur Klimaneutralität umsetzt. Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass lediglich vier Prozent der Unternehmen keinerlei Maßnahmen zur Reduktion ihres CO2-Footprints ergreifen. Am häufigsten setzen die Unternehmen auf Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz. Die Eigenerzeugung und der Einkauf von erneuerbaren Energien folgen mit einigem Abstand. Das ist für uns ein erfreuliches Bild. Es verdeutlicht, dass die Industrie die Bedeutung der Klimaneutralität erkennt und bereits an ihrer Umsetzung arbeitet. Unabhängig hiervon wird Deutschland aufgrund der geringeren Wirtschafts- und Konsumtätigkeit durch die Corona-Pandemie dieses Jahr den Klimazielen vermutlich ein großes Stück näherkommen.

 

26 Prozent der Unternehmen streben aus unterschiedlichen Gründen keine bilanzielle Klimaneutralität an. Können sich Firmen diese Einstellung in Zukunft noch leisten?

Angesichts des künftigen CO2-Preises stehen alle Unternehmen vor der Herausforderung, ihre Dekarbonisierung voranzutreiben. Insbesondere gilt das für Unternehmen mit einem hohen Energiebedarf – etwa Gießereien, Härtereien und Papierhersteller – sowie für kleine und mittlere Unternehmen, die bislang nicht dem europäischen Emissionshandel unterliegen. Ein weiterer wesentlicher Treiber ist allerdings die Perspektive, dass CO2-Neutralität von Industriekunden gefordert wird, zum Beispiel von OEMs. Es ist daher im Interesse aller Unternehmen, die eigene CO2-Emissionsreduzierung rasch voranzutreiben.

 

Die Industrie weiß einerseits um die Bedeutung von Energieeffizienz und Energieproduktivität, tut aber nur langsam etwas. Erst ein Prozent der deutschen Unternehmen ist schon klimaneutral. Woran liegt das?

Die hohe wahrgenommene Bedeutung sehen wir als wichtiges Fundament, auf dem weiter aufgebaut werden muss. Aktuelle Hindernisse bei der Umsetzung bestehen vor allem darin, dass die finanziellen Anreize für Unternehmen weiterhin nicht ausreichen, Energieeffizienzmaßnahmen anzugehen. Sie führen momentan beispielsweise noch nicht zu der klaren steuerlichen Berücksichtigung, zu der sie führen sollten. Im Zuge der steigenden CO2-Bepreisung wird die Wirtschaftlichkeit dieser Maßnahmen steigen. Unternehmen werden verstärkt in die Umsetzung gehen.

 

16 Prozent der deutschen Firmen wollen ihre Lieferketten hinsichtlich des CO2-Ausstoßes optimieren. Wie viel Druck löst das auf Zulieferunternehmen aus?

Unternehmen sehen einen wichtigen Beitrag für die Reduktion von CO2-Emmissionen in Einsparpotenzialen innerhalb der Lieferkette. Um nur eines von vielen Beispielen zu nennen: Volkswagen identifizierte in einem ersten Schritt ein Einsparpotenzial für CO2-Emissionen von einem Drittel innerhalb der Lieferkette. Der Autohersteller sieht hier einen wichtigen Beitrag für die zukünftige Reduktion von Emissionen. Die CO2-Neutralität wird zunehmend eine Anforderung von und an Unternehmen. Hierdurch ergeben sich Möglichkeiten für Unternehmen, frühzeitig Alleinstellungsmerkmale aufzubauen und sich von Mitbewerbern abzuheben.

 

Welche staatlichen Regelungen wünschen Sie sich vor allem, um die Energieeffizienz in der Industrie voranzubringen, und welche aktuellen Rahmenbedingungen halten Sie derzeit für besonders hinderlich?

Obwohl die Bundesregierung 2015 Energieeffizienz zur ersten Priorität in der Energiewende erklärt hat, wird sie nicht ausreichend unterstützt. Während beispielsweise erneuerbare Energien über die EEG-Umlage gefördert werden, existiert derzeit keine Förderung der Energieeffizienz in vergleichbarer Höhe. So flossen von 2015 bis 2017 durchschnittlich rund 33 Prozent mehr Forschungsgelder in den Bereich der erneuerbaren Energien als in den der Energieeffizienz. Eine stärkere Berücksichtigung der Energieeffizienz wäre sehr wünschenswert, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Außerdem ist es sehr hinderlich, dass derzeit Mindestanforderungen bestehen, um an Energiemärkten teilnehmen zu können. Sie werden jedoch von vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die den Großteil der deutschen Unternehmenslandschaft bilden, nicht erfüllt. Diese Rahmenbedingungen sollten dringend so angepasst werden, dass auch diesen Unternehmen die Teilnahme an Energiemärkten ermöglicht wird.

 

Mit welchen Maßnahmen lässt sich Ihrer Ansicht nach der CO2-Footprint in der Produktion besonders wirksam senken?

Um den Energieverbrauch des Unternehmens möglichst zu minimieren, kommt das Prinzip „Efficiency First“ zum Tragen. Der Großteil der Unternehmen weiß heute bereits um die Bedeutung der sogenannten Querschnittstechnologien für eine Steigerung der Energieeffizienz und hat diese zumindest teilweise bereits umgesetzt: Beleuchtung, Druckluft, Lüftung, Pumpen, Kälte- und Kühlwasser sowie Wärmeversorgung. Ergebnisse unseres Energieeffizienz-Index verdeutlichen, dass darüberhinausgehende Maßnahmen oftmals mit Eingriffen in die Produktionsanlagen und -prozesse selbst verbunden sind. Dabei handelt es sich um vergleichsweise komplexe, aber in Bezug auf die Energieeffizienz dennoch sehr lohnende Maßnahmen.

In einem zweiten Schritt kann die Nutzung von erneuerbaren Energiequellen durch Einkauf oder Eigenerzeugung fokussiert werden. Die Ergebnisse unserer Befragung im Rahmen des Energieeffizienz-Indexes bestätigen diese These: Der Einsatz erneuerbarer Energien ist neben Energieeffizienzmaßnahmen die am häufigsten genannte Maßnahme der Unternehmen, um den CO2-Footprint zu reduzieren.

Eng verknüpft mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energiequellen wird in den kommenden Jahren zudem die Elektrifizierung des Industriesektors an Bedeutung gewinnen, das heißt der verstärkte Einsatz von Strom als Endenergieträger. Nach unseren Ergebnissen können sich bereits zwei von fünf Unternehmen vorstellen, die fossilen Energieträger in ihrem Unternehmen vollständig durch Strom zu ersetzen.

 

Effizienz macht Sinn, wenn die Ersparnisse an der einen Stelle nicht durch Mehrverbrauch an anderer Stelle zunichtegemacht werden. Wie lassen sich so genannte Rebound-Effekte verhindern?

Der steigende CO2-Preis ist ein wichtiger Faktor, der dem Rebound-Effekt entgegenwirkt – vor allem wenn er so hoch angesetzt ist, dass die Kosteneinsparung, die durch Effizienzsteigerung entsteht, weitestgehend kompensiert wird. Wichtig ist es dabei jedoch, Carbon Leakage-Effekte zu vermeiden, zum Beispiel durch die derzeit in der Diskussion befindlichen CO2-Grenzsteuern.